derapaj / im schleuderkurs

Ion Manolescu | August 21, 2008
Translated by: Iulia Dondorici, Nadine Lipp

 

Ich schloss die Tür ab [...]. Dann zogen Maria und ich uns aus, und je langsamer unsere Bewegungen wurden, desto stärker beschleunigte sich alles um uns herum. So was passierte uns schon mal, vor allem aber in letzter Zeit: Wir ignorierten uns gegenseitig solange, bis wir uns von dem Zimmer loslösten und die Welt uns mit Tausenden von Launen und Objekten durchdrang: die Dusche, der gelbliche Seifenschaum, das Wechsel-T-Shirt, die Tabletten, die Laterne, das frisch bezogene Bett, die Kühle der Decke. Letztere hätte man gern an seine Brust gepresst, danach zusammengerollt und hinterlistig im Koffer mitgenommen. Wir schliefen eng umschlungen ein, zumindest hatte Maria diesen Eindruck.

Gegen elf Uhr lief ich alleine durch die Straßen. Maria schlief ruhig weiter, ich hatte die Decke wie einen zweiten Körper neben ihr gefaltet. Vielleicht war sie aber auch schon wach und las den Zettel, den ich auf dem Nachttisch hinterlassen hatte. Doch es war zu spät, der Verstoß hatte bereits stattgefunden. Sie musste auf mich warten, es blieb ihr nichts anderes übrig: Ich hatte die Tür von außen abgeschlossen.

Der Schlaf der Vernunft soll angeblich Monster gebären. Das ist ein Klischee, dem niemand Beachtung schenkt. Niemand, außer Maria. Der Vergleich der Bilder Goyas mit ihrem eigenen Ich kurz vor dem Einschlafen brachte unerwartete Ergebnisse: Eine kalte, irrationale Angst begleitete meine Geliebte in Morpheus Welt. Diese schien etwas anderes als die Welt des Morphems (die des damaligen Phonetikunterrichts) zu sein, aber das Ergebnis zeigte sich genauso erschreckend. Marias Schlaf war bevölkert von Alpträumen voller Sorgen und Verantwortlichkeiten: Trennungen, Unfälle, Verstümmelungen, Invasionen von Motten oder Spinnen; selbstverständlich geschah dies alles durch ihre eigene Schuld oder Unaufmerksamkeit. Jede Nacht begann ein neuer Feldzug, mit dem Ziel, die Welt jenseits des Trommelfelles zu erobern – eine Armee, auf dem Weg zum ersehnten Land, könnte kaum entschlossener sein. Um sich zu verteidigen, stöhnte Maria laut, begab sich in erfundene Dialoge mit den Angreifern und in erstickende Umarmungen (bis sich mein Platz im Bett auf fünf Zentimeter Breite reduzierte). Wenn nichts mehr half, griff sie zum letzten Mittel: Sie faltete die Arme über dem Kopf zusammen, sodass sie ein Quadrat bildeten; ihre Handflächen presste sie dabei auf die Ohren – der einzige Platz, durch den die Angreifer noch hätten eindringen können. Morgens wachte sie gekrümmt, steif und mit eingeschlafenen Fingern auf und wusste nicht, warum.

Ich dachte eine Weile warm und menschlich über unser Leben nach. Die Wissenschaftler behaupten, dass die Liebe nach ich weiß nicht wie vielen Jahren verschwindet und an ihre Stelle tiefe Gefühle, wie Respekt, Achtung und Freundschaft treten, die das Paar aneinander binden und seine Beziehung zementieren. Das klang wie die Restaurierung einer Gruft. Wenn man die Begriffe schon hörte („Festigung, „Zement“, „Gefühle“), wäre man am liebsten davongerannt. Ich hatte keine Angst, und sollte ich dennoch Angst gehabt haben, hätte ich es ganz sicher nicht zugegeben. Gehobenen Hauptes ging ich an den Straßenbahnschienen entlang in Richtung Schottentor-Universität.

Ich ging langsam, gemäßigten Schrittes. Das Treffen mit Ingenieur Grosescu sollte erst am nächsten Tag stattfinden, ich tastete das Terrain jedoch gern schon vorher ab. Es lohnte sich, die Gegend zu erkunden, um zu sehen, was mich erwartete. Oder einfach nur um spazieren zu gehen, um meine Gedanken zu ordnen, wie es irgendein fiktiver großer Schriftsteller auch getan hätte.

Ich bog links in die Berggasse ab und ließ mich hangabwärts, an dem Sigmund-Freud-Museum vorbei, bis zur Liechtensteinstraße treiben. Dort hatte ich schon einmal in der Nummer 126, in der Wohnung eines merkwürdigen Arztes gewohnt. Das Bad war in der Küche, die Matratze lag direkt auf dem Parkett und der Fernseher hatte anstelle einer Antenne einen Draht. An der Tür stand Weidle, man hätte den Namen aber jederzeit in Bombolini oder Vasilescu ändern können. Denn, selbstverständlich wohnte der Arzt nicht in dieser Wohnung, sondern vermietete sie für einen günstigen Preis. Am letzten Tag hinterließ man ihm das Geld in einem Umschlag auf dem Tisch und den Schüssel im Briefkasten. Alle meine Landsleute, die als Lektoren oder Stipendiaten in Wien landeten, waren hier unterkommen: Kaum hatte man das Wort „Rumänien“ ausgesprochen, schon ging die Wohnungstür im fünften Stock weit auf und man wurde aufs Herzlichste von einer Staub- und Milbenwelle in Empfang genommen. Zwei Glühbirnen waren längst ausgeschraubt, der Staubsauger fehlte, die Pfannen sahen aus, als stammten sie aus der Jugendzeit meiner Großmutter Aneta, und unter der Garderobe lugten circa drei paar schnurloser Schuhe angriffslustig hervor. Doktor Weidle wirkte sympathisch aber geizig: Er holte einen mit dem Auto vom Bahnhof ab, bei der Abreise brachte er einen aber nicht wieder hin. Man konnte weder anrufen noch angerufen werden: Eine Rosette und ein kleines, an der Ziffer 9 angebrachtes Schloss, das die Scheibe festhielt, schmückten das Telefon. Weder der Postbote noch die Nachbarn wussten über uns Bescheid. Man lächelte sie höflich an, antwortete „Grüß Gott!“, ganz egal, was sie zu einem sagten, und alles war in Ordnung. Es gab sowieso nur wenige, die bis zum letzten Stock hinaufstiegen, das Geländer machte eine gewaltige Kurve und die Treppen waren so steil, dass den Unvorsichtigen nach den ersten 70 Stufen die Luft wegblieb. Es war, als würde man bei uns, im Gebäude der Philologischen Fakultät, vom dritten in den vierten Stock steigen. Aufpassen musste man nur im Dezember, wenn die Schornsteinfeger kamen und die Jungs von der Gasversorgung die Rechnung für ein ganzes Jahr brachten - die nahmen enthusiastisch vier Stufen auf einmal. Es kam einer Straftat gleich, ihnen drei Mal hintereinander den Eintritt zu verweigern: Beim ersten Mal wurde man vorgewarnt; beim zweiten Mal aufgefordert; beim dritten Mal kam die Polizei und brachte einen vor Gericht. Ich habe ihnen nicht aufgemacht, habe mich aber dennoch fair verhalten: Am letzten Tag habe ich dem Arzt die Mahnungen in den Briefkasten geworfen.

Die Verlängerung der Liechtenstein- ist die Wipplingerstraße, die ebenfalls bergab, in Richtung Altes Rathaus und Stephansdom führt. Die Straße schien, je nach der Dichte der Gebäude, mal enger, mal breiter, führte hinauf und hinab, kreuzte die Straßenbahnlinie, führte an kleinen Metallbrücken mit enteistem Geländer und frisch gestrichenen Nieten vorbei. Es hatte zu schneien begonnen, aber der Schnee wurde von den Poren des Asphaltes wie von unsichtbaren Händen aufgesaugt. Die kleinen Rinnsale, die hier und da entstanden, wurden vom Zusammenspiel der Straßenecken direkt zum Ausgang geleitet: Sie flossen alle unter der Bordsteinkante hindurch und fielen wasserfallartig durch die belüfteten Gitter. Die Kanalisation roch angenehm nach Wasser und Vanilleshampoo.

Ich schaute mich um, aus dem Gehen, die Hände in den Taschen. Man sah nichts, nur der Himmel aus Marmor und Granit flackerte hinter der nächsten Ecke. Die kaiserliche Architektur zermahlte die Wolken, die Augenlider erfuhren nur noch die Enge des Raumes: hohe, breite Gebäude, ohne Höfe und Gärten, aneinandergeklebt, als ob dieser ganze Stadtraum an einem einzigen Tag vollständig zugebaut worden wäre. Aus den Fassaden sprangen Heilige, Hirschböcke und Adler aus Stein; Erdkugeln, die auf den Terrassen im letzten Stock montiert waren, neigten sich nach vorn. Die starken Mauern, mit beigem, gelblichem oder hellgrauem Kalk verputzt, schlossen kolossale Tore aus übereinandergelegtem Blech und schwarzen Balken ein. Niemand ließ sie offen, Licht und Bewegung drangen dort nicht durch. Die Mauern wurden immer höher, überwacht von Basreliefs und bedrohlichen Statuen. Ungeduldig hoffte man darauf, den Ausgang aus diesem Labyrinth ein wenig früher zu finden, aber vergeblich, die Entfernungen blieben immer dieselben. Die Übergänge von einer Straße in die nächste waren kurz, eng und sehr streng geschnitten. Auf den Plätzen lauerten Bronzeritter mit bedrohlich gehobenen Schwertern. Wohin man auch ging, man musste seinen Kopf geneigt halten.

Am Dom habe ich eine Runde durch die kleinen Straßen mit Antiquitätenläden gedreht und bin auf der Kärtner herausgekommen. Sie leuchtete vom Weihnachtsschmuck, Kronleuchter mit Hunderten von goldenen Lampen wackelten über den großen Geschäften. Die Einkaufszone war für den Verkehr geschlossen, nur die Touristen und der „1A“, der Bus für Dicke, verkehrten dort. Der Bus war ein großer Wagen mit Faltenbalg, der rund um die Kathedrale und die Schmuckläden fuhr. Die Fahrstrecke war 300 Meter lang und die Fahrt dauerte fünf Minuten: Man konnte genau so schnell oder sogar noch schneller zu Fuß gehen. Der Bus mit den Dicken hielt alle zehn Meter, die Haltestellen befanden sich vor den Hotels, an der St. Peter Kirche und vor den wichtigsten Läden. Er blieb jeweils eine Minute stehen, sodass man genug Zeit hatte, auszusteigen, ein Souvenir zu kaufen und wieder einzusteigen. Die Fahrgäste ruhten sich auf plüschbezogenen Sitzen aus, diejenigen, die keinen freien Sitzplatz mehr fanden, lehnten sich irgendwo an. Die körperliche Anstrengung war gut kalkuliert und auf ein Minimum reduziert. Wie beim Ferrari 360 wurde der Bodenschutz auf die Grundebene herabgesetzt und der Ausstieg erfolgte über eine Hilfsstiege, die pneumatisch nur dann aufging, wenn man aussteigen wollte. Man bekam Lust, sich einzumischen und wie auf einem Trampolin auf der Stiege auf und ab zu springen oder in der fotoelektrischen Zelle der Tür die Schuhspitze rein und raus zu stecken, um die Tür beim Schließen zu hindern.

Geblendet von den Neonlichtern der Schaufenster ging ich zu Fuß die Kärtnerstraße entlang. Der Weg verlief wie üblich. In der Zeit, in der ich bei Doktor Weidle wohnte, war ich ihm so oft gefolgt, dass ich mir die Reihenfolge der Markenläden gemerkt hatte: Zara, Mango, H&M, Pierre Cardin, Wolford, Palmers, Vacheron Constantin, Benetton, Epic, Starbucks, Orsay, Triumph, wieder H&M (letzterer schien mir mit Abstand der Beste: ganze Kleiderballen sollten für nichts und wieder nichts verkauft werden). Ich kannte ihre Reihenfolge auswendig, von links nach rechts oder umgekehrt, je nach Bedarf, konnte ich sie aufsagen. Die Schaufenster lockten mit milchweißen Mannequins, ohne Augen, aber mit schwarzen, möglichst weit hochgezogenen Strümpfen. Der Blick traf blitzartig ihre Wachsbeine. Sogar die medizinischen Puppen glänzten mit unglaublichen, über ihre geschwollenen Bäuche gezogenen Sets von Unterhosen: die Triumph-Puppen, die für „Mamma-Slip“ warben. Ich ging wie üblich in die Läden und man sprach mich überall an; aber, die fremde Sprache, dem Englischen nicht wirklich ähnlich, blieb für mich unverständlich. Ich sagte schnell die magische Formel: „Ich möchte mich umschauen!“ und untermauerte sie mit einer Handbewegung à la Angela Similea[1], sanft und rund, und alles wurde wieder normal: Man lächelte mich an und ließ mich in Ruhe.

Von der Kärtner kam man nach dem Starbucks-Café zum Opernplatz und auf den Ring. Das Operngebäude schien sich in Renovierungsarbeiten zu befinden, denn es war in graue Schutznetze, die das Wappen der Stadtverwaltung trugen, eingepackt. Vom Opernplatz verlief die Straße in einem Ring, der den ganzen Wiener Verkehr aufnahm: Autos, Straßenbahnen, Busse, Taxis, Fahrräder; auf der rechten Spur kamen vom Dom unzählige Kutschen. Überall sprangen Touristen mit Regenschirmen und schneefeuchten Stadtplänen in der Hand herum und stürmten die Verkehrsmittel. Manche zogen unvorsichtig riesige Gepäckstücke hinter sich her, wenn man unaufmerksam war, rollten sie sie einem über die Füße.

Wien war wie das Bukarest meiner Träume, jenes Bukarest, das ich nie gesehen habe und das Großvater Vitalian in einer Kartenpartie verloren hatte: robust, befestigt, in konzentrischen Kreisen gebaut, so, dass die Angreifer nicht vordringen konnten, die schönen Frauen sich aber in ihm verloren und gefangen blieben. Die Hauptstadt „Mitteleuropas“ war unberührt geblieben. Ihre epochenüberdauernde Rüstung schützte sie mit der Eleganz und Kühnheit eines mittelalterlichen Bildes, von dem man sich lieber fernhält, wenn man es nicht zu schätzen weiß. Nur die Pferdeäpfel, die hinter den Kutschen auf den Ring fielen und von den in unendlich langen Schlangen entlangfahrenden Autos plattgefahren wurden, erinnerten noch daran, dass die Wege der Habsburger und der Ottomanen sich einst hier gekreuzt hatten. Ich sah zu, wie sie im Rhythmus der Kutschenbewegung dämpfend und ungezwungen herunterfielen, es war wie bei uns in Colentina[2] oder auf der Autobahn.

Ich folgte den Bewegungen des Rings, bewegte mich gleichzeitig mit ihm. Der Bürgersteig fühlte sich an, als würde er gleiten, beim Laufen spürte ich keinerlei körperliche Anstrengung. Hier war der Stadtraum zumindest offen. Manch ein Kaiser hatte Schneisen zwischen die Gebäude schlagen lassen und sie mit unzähligen Springbrunnen, Wasserbecken und Rosengärten geschmückt. Die mit habsburgischer Präzision geschnitten Queralleen trafen sich nur in einer Mittelachse, von der aus man sich seinen Lieblingsstadtteil aussuchen konnte. Im Sommer blickte man in Farbtonmischungen aus Weiß, Gelb, Orange, Purpur- und Dunkelrot auf den Burg- und Volksgarten. Jetzt war die Sicht unvollkommen: Die Triebe waren abgeschnitten und mit Leinenkapuzen überzogen, wie vor einer Entführung oder Hinrichtung.

Je näher ich wieder der Schottentor-Universität kam - ich zählte meine Schritte wie bei einer militärischen Übung oder einer Vorerkundung - desto mehr verstärkte sich mein Eindruck, dass die Stadt, von der ich mir vielleicht gewünscht hätte, dass sie die meine wäre, die mich aber so fremd und unfreundlich begrüßte, mich verfolgte. Dieser Eindruck war nicht nur der Müdigkeit infolge der Zugfahrt geschuldet. Die Straßen bewegten sich gleichzeitig mit mir, die massiven, alteingesessenen Institutionen rieben sich aneinander, wie die tektonischen Platten im Kopf eines Verkalkten, und auch der Asphalt verfolgte mich: gerade, sauber, ohne Löcher. Niemand hatte die Bordsteinkanten des Bürgersteigs angetastet. Hätte ein Ingenieur die kinetische Bewegung der Gebäude im Rhythmus meiner Gedanken bauen wollen, dann zerstörte jeder meiner Schritte Ketten von Backsteinen und Nervenzellen zugleich. Ich hatte Angst. Ich spielte nicht nur für mich allein, und das Ziel musste mehr sein als eine gut klingende Geschichte. Ich wollte diese Geschichte auch unbeschadet, ohne Traumata und ohne Verpflichtungen überstehen. Meine Erinnerungen (egal, wem sie auch immer eigentlich gehörten) konnten nicht noch stärker zerfasert werden. Ich nahm bereits am Wettbewerb teil, ich war verstellt, wurde begleitet, und mein Stoff war schon mit neuronalen Zusätzen, mit Lügen, künstlich angereichert. Sie schwebten in der Luft wie parfümierte Buchstaben in der Form eines E; sie allein konnten den veränderten Geschmack und die toxische Farbe der Freude, die unsere Leser oder Zuhörer spüren, widerspiegeln.

Auf der Höhe des Rathauses blieb ich für ein paar Minuten auf dem Spielzeugmarkt stehen. Man konnte von Weitem den Glanz der Stände sehen, die Marzipankugeln und die Lebkuchen wurden zusammen mit den Thermosflaschen mit Glühwein von Hand zur Hand gereicht. Es roch nach Zimt, Orangen und süßlich-reifen Himbeeren; der Wein wurde mit Fruchtsirup gemischt bis er sich in ein warmes parfümiertes Getränk verwandelte, das die Einheimischen Punsch nannten und ich Vinifrucht (es erinnerte mich an ein großartiges Getränk von früher). Es brannte nicht so stark wie unser Schnaps, aber nach etwa zehn Gläschen war man schon dabei, Tiroler Arien zu trällern. Die steilen Dächer der Stände, die die Händler schon Ende Oktober hingestellt hatten, reihten sich zwischen mit Luftballons und Bändern geschmückten Tannenästen aneinander. Jedes Häuschen war mit Lichterketten in sieben bis acht Farben geschmückt: Sie flackerten feierlich, genau wie die in Herrn Dinus Wohnzimmer in Pajura[3]. Ein Tag vor Weihnachten wurde alles abgeräumt, nur die Pappe und die Düfte blieben übrig.

Hier schien die Kindheit richtig am Platz zu sein, ein wenig benebelt, wie meine Erinnerungen: meine roten Hände, taub von der Kälte; der Schnee, der in den Haaren und auf dem Stoff des Anoraks hängen blieb; die Christbaumkugeln und die selten gewordenen Anstecknadeln mit dem Weihnachtsmann (mit dem echten, nicht mit dem Betrüger aus der Sowjetunion!), die ich mit den Jungs hinter unserem Wohnblock tauschte; das kleine Hefegebäck, das meine Großmutter Aneta aus dem von den Cozonaci[4] übrig geblieben Teig backte und das wir nicht vor Heiligabend essen durften; die Orangen, die man nur an zwei Tagen im Jahr, im Dezember, zu sehen bekam; die Tassen mit Tee oder mit heißem Kakao, denn Schokolade konnte man Ende der Achtziger Jahre auch nicht mehr kaufen. In den Regalen meines Gedächtnisses bewahrte ich alles auf, was sich aufzubewahren lohnte. Der Raum zwischen dem Rathaus und meinem kleinen Platz in Dorobanti[5] war voll, nichts und niemand passte mehr hinein. Aber während sich der Bogen zum Schottenpoint schloss, merkte ich, dass etwas geschah, dass die Gerinnsel meines Gedächtnisses ins Gleiten kamen, in überfüllte Zonen hineingezogen, und von Tausenden von Blicken beobachtet. Jeder Schritt gefährdete mein Gleichgewicht, die Balance meiner Arme stimmte nicht mehr mit dem Rhythmus meiner Gedanken überein und mein Gehirn schwankte: Im Licht des Kurzschlusses konnte man alle Veränderungen, die beschädigten Neuronen und die Synapsen, die man wie kaputte Sicherungen ersetzt hatte, sehen. Die Brüche schienen endgültig, die Bewegung der Platten wurde untersucht und begutachtet. Es gab kein „zu Hause“ mehr, das Wohlgefühl verschwand zusammen mit den Gesten und Angewohnheiten, die seine Existenz sicherten; ich fühlte mich in eine ständige, unsichere Fortbewegung gedrängt, die ohne Anhalts- und Ankunftspunkte verlief. Wir lebten an der Schnittstelle und wurden im schnellen Rhythmus der Übergangszeit geschaukelt. Nichts von dem, was wir verloren hatten, konnte anders als durch Tausch wiedergefunden werden; man wusste weder, was man gab, noch was man bekam. Die Menschen kamen nicht mehr zusammen, selbst zu Weihnachten besuchten sie sich nicht mehr gegenseitig. Sogar der neuronale Verkehr war während dieser Zeit blockiert. Feiern gab es nicht mehr; die Familienessen, zu denen am Sonntag alle Verwandte gekommen waren, einem über den Kopf gestreichelt und bis sieben Uhr abends am Tisch sitzen geblieben waren, verschwanden. Wenn man brav gewesen war, konnte man ein Geschenk bekommen: Irgendein sentimentaler Onkel brachte einem 25 Lei oder eine Pistole mit Zündkapseln. Die Verwandten vom Dorf drückten einem kleine Entchen oder haarige Puppen in die Hand; ich bedankte mich und schlug ihnen danach im Schlafzimmer den Kopf ab oder schenkte sie meinerseits weiter. Um ein Uhr begann das Mittagessen. Großmutter Aneta kam mit den Salzstangen und dem Fleischstrudel, der noch heiß und gerade geschnitten war. Den Schnaps durfte ich nicht anfassen, sonst haute man mir auf die Hand, wie Großvater Vitalian es tat, wenn ich versuchte, seine Gardinen aufzuziehen. Nach einer Pause kam die Fleischklösschensuppe: Die riesige, furchterregende Kelle wurde mit großer Aufmerksamkeit gehandhabt, bevor sie in die tiefe Porzellanschüssel mit blumengemusterten Henkeln versenkt wurde. Nach der Suppe wurde der Braten mit Kartoffelpüree und eingelegten Gurken (im Sommer durch Tomatensalat ersetzt) gebracht, dann wieder eine Pause und zum Schluss kamen der Nachtisch und der Kaffee. Man aß Eis mit Apfelkuchen, dann wurde eine Zigarette geraucht, während die Kinder Sauerkirschsirup tranken. „Früher“ wurde zum verschwundenen Gegenstand, aus dem die Nostalgie ärgerlich und nutzlos herausfloss, wie der Staub aus Alexandru Dimitrius[6] Ritterfiguren. Man fragte sich nur, wie man die Daten aufbewahren und weiterleiten sollte, bevor auch diese zu Asche zerfielen.

Ich bin von den Ständen weggegangen, ohne eine einzige Kugel angefasst zu haben. Das konnte weder meine, noch Marias oder Mihneas Welt sein. Die beiden hatte ich mitgeschleppt, wie zwei treue Romanfiguren. Warum protestierten sie nicht, warum begleiteten sie mich bis zum Schluss, ohne auch nur ein Wort zu sagen? Sie taten mir leid und so sehr ich sie auch liebte, schienen sie mir unvollständig, unfähig, meine Dislokation aufzuhalten. Sie ähnelten zwei Ärzten, die, weil sie einen behandeln, einen die ganze Zeit auf die Krankheit, an der man leidet, aufmerksam machen. Weder Maria noch Mihnea kamen weiter, sie saßen fest, wie ich, getrieben von einer konstanten Geschwindigkeit, die ihren eigenen Rhythmus immer wieder überholte und sie daran hinderte, zu wachsen und irgendwo anzukommen. Oder sah ich das falsch und mir fiel ihre Lebhaftigkeit bloß nicht mehr auf? Sie waren dabei sich aufzulösen, obwohl sie noch viele Jahre vor sich hatten. Meine Freunde harrten in derselben Unsicherheit aus wie ich, versteift durch die Entscheidungen, die sie treffen mussten. Sie fühlten sich schlecht, hinter den Ereignissen zurückgeblieben, mitgeschleppt, ohne sich auch nur einen Zentimeter selbst bewegt zu haben. Ein Tag lief wie der nächste. Es gab keine Fluchtmöglichkeit, die Welt, in der wir gerne gerastet hätten, bewegte sich gleichzeitig mit uns, war aber wiederum erstarrt in ihrer eigenen fortwährenden Geschwindigkeit. Es war, als wollte man, aus dem Wagen, den man mit 160 km pro Stunde fuhr, springen. Die Lebensschichten lagerten sich sofort ab, man konnte sich nicht mehr von dem Angeschwemmten befreien. Wir verknöcherten mit jedem Atemzug, mit jeder Minute des Schweigens. Allein die Erinnerungen blieben dynamisch, ganze Pakete voller Launen und Gefühlen: Dort fanden wir uns wieder, trotz des Altersunterschieds, im selben Lebensabschnitt gefangen und dies hielt uns zusammen und verhinderte unsere Spaltung.

Ich wechselte erneut die Straßenseite des Rings. Die Leute reihten sich an der Ampel an. Selbst wenn die Straße leer war, ging keiner rüber, solange es rot war. Wo keine Ampel stand, hielten die Autos zehn Meter vor dem Zebrastreifen an und machten ein Zeichen, dass man die Straße überqueren soll. Die Fahrer warteten bis man den Bürgersteig erreicht hatte und fuhren erst dann weiter. Ich musste laut lachen. Bei uns war das anders: Die Fußgänger wurden entweder nicht beachtet, oder durch plötzliche, sukzessive Beschleunigungen des Motors über den Zebrastreifen gejagt. Das Manöver war beabsichtigt, man ließ den Motor frühzeitig laut aufheulen. War die Lage jedoch nicht ganz klar, wurde mehrmals laut gehupt. Alle schienen damit einverstanden zu sein: Die Rentner erstarrten, und wenn ein unvorsichtiger Schüler sich noch in Bewegung, mit einem Fuß auf der Straße befand, zog er ihn schnell wieder zurück. So lernte man es schon in der Fahrschule, wenn der Fahrlehrer erklärte: „Du bleibst nur dann stehen, wenn drei Fußgänger warten! Wenn du weniger siehst, hupst du und fährst weiter!“

Ich ging um das Burgtheater herum und ließ die gefrorenen Parks und Gärten zurück. Hinter ihnen flackerte das Schmetterlingsmuseum. Dieses Museum hätte jeden Schriftsteller neidisch machen müssen: Eine riesige, feuchte Halle, in der sich echter tropischer Dschungel befand und durch die die Schmetterlinge wie die Fliegen in einer Korbflasche mit Wein herumschwirrten und an den Wänden abprallten. Doktor Weidle riet mir, dorthin zu gehen, es sollte gut für die Nerven sein und manchmal der Imaginationskraft auf die Sprünge helfen. Die Schmetterlinge schwebten kraftlos und faul umher, manche landeten auf dem Kopf oder Hemd der Besucher. Andere klebten an dem grünen Glasdach fest oder panschten mit ihren Rüsseln in Bananen- und Mangoresten. Die Luft war abgestanden, dicht wie die Anhäufung von Blätter und Lianen, durch die man seinen Weg bahnen musste. Beim Rausgehen hatte man klamme Kleider und überall bunte Marienkäfer kleben; hin und wieder wurde man von den Pförtnern angehalten, damit sie einem einen Parnassius Apollo vom Rücken entfernten.

Ich kehrte auf der Währingerstraße zurück, hinter der Universität entlang. Irgendwo, im Inneren des Universitätsgebäudes, in dem Labyrinth aus kalten Betonfluren, die so sehr denjenigen der Bukarester Fakultät ähnelten, stand Eminescus[7] Büste. Ich hatte sie nicht finden können, hatte mich aber auch nicht besonders darum bemüht; selbst Doktor Weidle schien nicht von ihm gehört zu haben. Der Bogen schloss sich: So sahen die Orte, so die Menschen aus. Ich kannte alles in den kleinsten Details: Auf welchen Straßen ich gehen müsste, welche Orte ich meiden sollte, wohin ich mich zurückziehen könnte. Nur der Ingenieur Grosescu und unser morgiger Spaziergang, der mir telefonisch zugesichert wurde, fehlten noch.



[1] Angela Similea ist eine berühmte rumänische Schlagersängerin.

[2] Stadtteil in Bukarest.

[3] Bukarester Stadtteil.

[4] Traditionelles rumänisches Feiertagshefegebäck.

[5] Bukarester Stadtteil.

[6] Ein rumänischer Architekt.

[7] Mihai Eminescu, rumänischer Nationaldichter.

 

About this issue

This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

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Translator’s Note: a synopsis
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Re: Learning to Read, from Tache de catifea / The Velvet Man
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On Petre Ispirescu
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As tardes de cinema romeno do ICR Lisboa continuam no dia 17 de Dezembro de 2009, às 19h00, na ...
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13 & 14 November 2009. Films until 18 December. Twenty of Romania's most influential and ...
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