Maestro
Roman
Der Schriftsteller Stelian Tanase, geboren 1952 in Bukarest, ein
Protagonist der Dissidenz gegen Ceausescu, ist seit der Wende von
1989/90 Hochschullehrer für Politikwissenschaften an der
Universität Bukarest und zugleich einer der bedeutendsten
Medienmacher Rumäniens mit einer publizistischen und TV-Präsenz
ohnegleichen. Zahlreiche Publikationen, darunter etliche
informationsgesättigte Bücher, weisen ihn als einen der
bedeutendsten akademischen Zeithistoriker der Zwischen- und
Nachkriegszeit aus, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts in
Rumänien in ihrer balkanischen und europäischen Dimension erfaßt
und formuliert hat.
Dabei ist Stelian Tanase jenseits des aufklärerischen
„Tagesgeschäfts“ ein Erzähler, der in seinen Romanen mit
landestypischer Üppigkeit und Authentizität nachvollzieht, woran
dieses Land und seine Kultur krankt: Geschichte löst sich in
Geschichten auf und wird trübe. Seine Geschichten weisen in die
andere Richtung, sie machen Geschichte schmerzlich transparent.
Der Roman „Maestro“ quillt über von Geschichten, von
übermütiger Sprache, es ist ein Buch, in dem Sprache zum Ereignis
wird, durch das der Mensch sich dem Mahlwerk der Ereignisse entzieht.
Hier redet eine, die alles weiß, vor allem aber, daß man nicht
weiß, wie es gekommen ist und wie es kommt.
Es spricht Emilia, Emiluta, die Freundin, „Seelenschwester“
der Hauptgestalt Tina Marcu. Diese Tina ist der Ausbund der
postsozialistisch entfesselten Medienlandschaft, ein Kind von
Traurigkeit inmitten einer wildgewordenen Fakten- und
Meinungshuberei, hysterisch und „cool“, souverän und
verletzlich. Ihr fulminantes Debüt ist ein gewagter Bericht über
den Abriß einer Lenin-Statue in Bukarest gewesen. Emilia erzählt
aus der Sicht einer lebensklugen Behinderten vom vermeintlichen
Aufstieg und vermeintlichen Fall eines Medienstars in einem
postkommunistischen TV-Wildost, wo zwei Gewalten regieren:
Einschaltquote und Seilschaften.
Tina schlägt über die Stränge, gespannt von den neuen Bossen,
die die gewendeten alten sind, als sie in ihrer Talkshow einen
Minister zum Rücktritt auffordert. Der Mechanik, die daraufhin zu
mahlen beginnt, ist sie nicht gewachsen und wird dazu verdonnert,
einen hochgerühmten rumänischen Exilanten, Duca, in Paris zu
interviewen. Gegen ihren Willen, denn Bukarest wird gerade von Horden
von Bergarbeitern heingesucht. Sie fügt sich, macht das Interview
gegen den eigenen und gegen den Willen dieses Exilanten Duca, kehrt
aber alsbald zurück nach Bukarest, getrieben von dem Wunsch, im
Mittelpunkt des Geschehens zu sein und es medial zu vermitteln.
Im aufgewühlten Rumänien, in ihrem ureigenen Element Bukarest,
wird sie von Bergarbeitern krankenhausreif geschlagen. Im Krankenhaus
ruft Duca sie an. Sie flieht vom Krankenbett und vertieft sich im
folgenden in Nachforschungen zu Duca, zur Geschichte der
Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit.
Aus dem Interview mit Duca macht sie einen Film, der allerdings
vom Sender nicht angenommen wird. Nachdem sie den Film abgegeben hat,
fährt sie nach Paris zu Duca, dem Elite-Emigranten, den sie als
ihren Vater identifiziert hat, und stellt ihn zur Rede, weil er die
Familie verlassen hat. Dieser vergräbt sich in seinen Nihilismus.
Ihr Ex-Lover und TV-Chef Dudus feuert sie – da begeht Duca
Selbstmord. Als Nationalheld wird er nach Bukarest geholt, seine
Funeralien werden in extenso begangen, Tina weigert sich, fürs
Fernsehen zu berichten. Leid und verstehendes Unverständnis, Tina
entzieht sich der nationalen „Feier“, entzieht sich überhaupt
der Medienmaschinerie.
Der intime und zugleich fremde Blick ihrer Freundin auf die
spektakulären Peripetien in einer östlichen Welt, in der westliche
Medienhysterie um so wilder wuchert, offenbart, was die
elektrisierende elektronische Öffentlichkeit in einer bis vor kurzem
totalitär gelähmten und jetzt in die Freiheit der
Unverantwortlichkeit entlassenen Gesellschaft anrichtet: Der Mensch
und die Wahrheit gehen vor die Hunde, es kostet fast ein Leben, das
alles zu überleben.
Der Roman von Stelian Tanase ist ein wirbelnder Totentanz, aus dem
die beiden Frauen, die Erzählerin und ihre Heldin, schließlich
ausscheren. In dem Wirbel scheint das Bild eines Landes auf, das die
Pein des Kommunismus schwer versehrt überstanden hat, um jetzt einer
anderen, der „Freiheit“ gegenüberzustehen. Die Erbschaft des
Kommunismus ist virulent, sie zu erzählen ist das einzige Mittel,
ihr zu entgehen. Stelian Tanase versucht es mit epischer Vehemenz,
und die Unmittelbarkeit, mit der seine Erzählerin die Schicksale der
beiden Frauen ins Bild rückt, hat die Qualität einer Katharsis. Die
Läuterung allerdings bleibt offen.
Ich habe mich wieder im Traum gesehen,
letztes Mal war ich in Monte Carlo im Kasino gewesen. Jetzt war ich
auf einem Eislaufplatz im hohen Norden, einem gefrorenen See, ganz
mit Gold bestäubt. Paarlaufen, mein blonder Partner hatte einen nach
innen gewölbten Bauch, als würde er nur essen, wenn der Erste des
Monats ein Freitag ist. Er sah meinem Neluţu schon sehr ähnlich.
Gekräuselter Backenbart, Brillantine im Haar. Große aschgraue
Augen, stechender Blick. Ich war verrückt nach ihm. Mit seinen
muskulösen Armen preßte er mich beim Tanz fest an sich. Er bog
mich, knetete mich wie einen Teig, drehte sich mit mir, ich war ganz
schwindlig. Er hatte tolle Tanzschritte drauf, ich fürchtete zu
stürzen und mich lächerlich zu machen. Plötzlich warf er mich so
hoch, daß ich dachte, ich müßte sterben, weil ich keine Luft mehr
bekam. Die vollbesetzten Tribünen aus der Vogelperspektive. Von
einer Wolke aus lieferte die Kamera Bilder von pelzbewehrten
Schultern, Frisuren, Hüten, Schals. Ich flog in Zeitlupe, Pirouetten
drehend. Wenn er mich nicht auffängt! durchfuhr es mich. Rumba,
dreifache Drehung, Hurrarufe brandeten auf. Ich landete in seinen
Armen. Elegant, halbtot vor Angst, glücklich wie nie zuvor. Ich trug
ein rosa Kleid mit Straß und Pfauenfedern, meine Haare waren
rotgefärbt. Jugendlich schlank, wie ich war, zog ich alle Blicke auf
mich. Hirsche und Eichhörnchen kamen ganz nahe heran, ein Traum. Die
Bären am Ufer blinzelten träge. Das Publikum kümmerte sich nicht
um sie, es applaudierte, warf mir Kußhände und Blumensträuße zu.
Die Typen in der Jury, aufgereiht im Lampenlicht, lauter verkniffene
welke Gesichter. Der Tanz war zu Ende, wir erstarrten in Pose auf dem
Eis, doing. Ich hing an seinem Hals wie eine verliebte Frau. Hättest
du uns bloß sehen können! Wir waren wie in Judex, eitel
Sex&Anmut! Er umfaßte meine Taille, ich erschauerte und wurde
auch schon feucht. Während ich ihn anhimmelte und die Leute
anlächelte, hatte ich kurz einen Orgasmus. Ich spürte ihn ganz
stark im Schlaf. Vor den Schranken des Präsidiums, das die Noten
vergibt. Allgemeines Raunen, Musik aus den Lautsprechern, Spannung.
Wir warten auf die Täfelchen mit den Punkten. Mein Partner zieht die
Schlittschuhe aus, der Trainer kommt an die Bande, um uns zu
beglückwünschen. Mich lähmt die Angst, das Lächeln könnte aus
meinem Gesichtchen verschwinden. Ich pinne es mit Stecknadeln an den
Wangen fest. Ich zähle in Gedanken. Ein paar Sekunden noch, und es
ist aus. Während ich in meiner Pose verharre, mit einem Grinsen wie
aus einer Zahnpastawerbung, kracht das Eis. Noch ehe ich die Tanznote
bekomme, versinke ich in flüssigem Vergessen. Mit einem Schlag bin
ich wach, das Bettzeug am Boden, ich naßgeschwitzt. Der Boulevard
ist öde, aus der Ferne blinken ein paar Straßenlaternen. So ist das
mit den Träumen, sie vergehen, sobald es einem ein bißchen wohler
ist. Wie in einer Soap Opera. In der nächsten Folge, coming
up, wieder Albträume. Ein Mist, so ein Traum, einmal und nie
wieder. Der Traum ist wie ein Freier, der seine Hure im Bordell nicht
mehr besucht.
Im Viertel ist nichts los. Du bist zu
mir gekommen, um die andere Geschichte zu hören. Die mit Tina. Und
ich komme dir mit meinem Geschwätz. Ich bin halt egoistisch, wie
alle Krüppel. Bösartig, zugegeben. Du mußt all das Gelaber
ertragen, bevor ich dir den Kuchen auftische, auf den du scharf bist.
Tina, eine Figur! Du fragst dich, wieso sie nicht mehr im Fernsehen
ist. Wo ist sie, hat sie sich versteckt? Nachdem sie uns mit all
ihren Schmankerln, Interviews&Auftritten beglückt hat! Sie hat
uns ganz in ihren Bann gezogen, und plötzlich hat sie sich in Nichts
aufgelöst. Es gab Abende, da war sie echt ein Straßenfeger. Niemand
ging mehr aus dem Haus, wenn sie auf den Bildschirmen erschien. Und
wo, bitte, ist sie jetzt? Als hätte es sie nie gegeben. Das
Vergessen hat sich über das angebetete Antlitz gesenkt. Ich wundere
mich, daß du dich noch an sie erinnerst. Beim Fernsehen ist man weg
vom Fenster, wenn man drei Tage nicht auftritt. Ist auch gut so,
heute bist du ein Gott, morgen nicht mal mehr ein Straßenköter, es
gibt dich nicht mehr. Staub, vom Winde verweht. Ihre Erinnerung
nichts als Asche. Tinas Geschichte interessiert dich, das merke ich
schon. Wie verschwindet jemand einfach so? Hat man sie umgebracht,
überfahren, hält sie sich versteckt? Ist sie mit einem Liebhaber
abgehauen? Sie ist mit einem Auftrag als Sonderberichterstatterin zum
Himalaja gefahren und hat vergessen, zurückzukommen? Sie ist
konvertiert und führt ein religiöses Leben in einem tibetanischen
Kloster. Sie hat einen Kerl mit viel Geld geheiratet und ist nach
Argentinien gezogen. Tanzt Tango im Hafen von Buenos Aires. Schön
fände ich es, wenn sie sich auf dem heißen Sand der Karibik wälzte.
Oder als schicke Dame in Monte Carlo vom Jet Set ausgehalten würde.
Wenn sie aber als Fischfutter am Grunde des Ozeans vor Grönland
liegt und der Titanic Gesellschaft leistet? Oder macht sie inkognito
Urlaub in Miami, auf Rhodos, in Aspen? Am Gardasee? Nicht? Das ist
es, was dich reizt, ihr Geheimnis. Das willst du von mir erfahren.
Das Geheimnis. Die Befriedigung kommt schon, aber später. Es gibt
noch allerhand zu erzählen.
Szene 3, ein bißchen Sex. War ja auch
Zeit, oder? Wir sind schon auf Seite XX und haben uns noch gar nicht
um die Libido gekümmert. Wo ist der Kick? Das Publikum ist
ungeduldig. Ich plaudere aus dem Nähkästchen, was eigentlich nicht
meinem Charakter entspricht, um so weniger, wenn es um Tina geht,
meine Seelenschwester. Wir schleichen uns in ihr Intimleben nur ein,
damit du später ein paar Dinge begreifst. Die Szene spielt in einer
komfortoptimierten Junggesellenwohnung in einem banalen Bukarester
Viertel. Zu sehen ist ein Mannsbild um die 50; wir haben ihn vorhin
schon ausgemacht, es ist der mit der Fliege. Er gibt den Herrn von
Welt, geschenkt. Honigsüß, beste Manieren, aber im Nu hat er die
Hand unter deinem Rock. Brrr, nicht geschenkt möchte ich den haben.
Wir erkennen ihn wieder: Er beklagte sich, die Bergleute hätten ihm
den Schädel eingeschlagen. Puiu Duduş, Personalausweis Serie BG,
Nr. 732456, liegt quer auf dem Bett. Die Jacke hängt über dem Stuhl
in der Ecke, Hemdkragen offen, Bäuchlein, schlaff. Die andere
Gestalt, unsere Mimose, Tina, meine Liebste. Über den Bildschirm
laufen streikende Bergleute in wattierten Jacken, der Bahnsteig
quillt über. Lärmend drohen sie, alles kurz und klein zu schlagen,
wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Wie ein Haufen
Besoffener, die am Zahltag die Vorstadt nach Mädeln durchkämmen.
Vom Wirt wollen sie Flaschenwein. Und die Musik soll spielen, oder es
setzt was. Zersplitterte Schaufenster, Dieselöl rinnt übers
Pflaster, Autos brennen. Die Kamera ist ganz nah dran. Ein Spektakel,
wie geschaffen für breaking news. Der Volkszorn, entfesselt.
Duduş: „Das finde ich jetzt nicht
mehr lustig …“
Tina: „Wieso soll denn ich nicht auf
Sendung gehen, dort?“ Mit einem beiläufigen Wink zum Fernseher.
Jean Stan ist vor Ort, umgeben von Bergleuten. Sie recken ihre
Schädel in die TV-Kamera, wollen gesehen werden. Sie machen das
Victory-Zeichen, sind gut drauf. Nur ihr Anführer, hochgewachsen,
Blaumann, Helm im Nacken, kariertes Hemd, bärtig, schaut finster
drein und schweigt.
„Der ist gefährlich …“, sagt
Duduş.
„Für wen denn, bitte?“ fragt Tina.
„Hau ab nach Paris, bring dich in
Sicherheit. Ich bleibe, komme, was will.“
„Ja, markier du nur den Helden, opfer
dich! Steht dir! Was habe ich dort zu suchen?“
„Den großen Avram Duca suchst du.“
„Puiu, du willst dir ja nur Freiraum
schaffen für diese Popescu. Wenn du sie nicht schon aufs Kreuz
gelegt hast.“
„Das bildest du dir ein!“
„Die mit den Grübchen, wie heißt
sie nur, deine Puppe, Lu-lu? Lu-lu! Gestern habt ihr euch eine Stunde
in deinem Arbeitszimmer eingeschlossen, du und dein Liebchen. Die
Sekretärin hat alle Naseweise ferngehalten, sie in Grund und Boden
gelächelt. Wo ist der Chef? Nicht da. Sie lügt besser als wir beide
zusammen. Du solltest ihr Gehalt verdoppeln. Als dann die Tussi
herauskam, Klamotten verrutscht, verstrubbelt und mit hochrotem Kopf,
das waren vielleicht Ellbogenschubser, Seitenblicke, Lacher im
Vorzimmer. Lulu grüßte die Sekretärin mit Hola, und weg war
sie. Sie hat Talent, ganz klar. Sie hinterließ nur das Klappern
ihrer Absätze und ihren gespenstischen Duft. Sie nimmt Chanel 5,
hast du ihr aus Paris mitgebracht.“
„Als ich das Interview mit Duca für
dich eingefädelt habe.“
„Ach ja! Und was hast du die ganze
Zeit hinter der Tür gemacht? Dich untenrum gewaschen, in den Spiegel
geguckt, was du doch für ein Kerl von einem Mann bist. Kleine
Gymnastikübungen, eins, zwei, drei, vier. Whisky getrunken, eine
Havanna angezündet, den Hosenstall zugeknöpft, denn es folgten
Audienzen. Oder?“
„Klatsch und Tratsch“, grinst
Duduş. „Diese Stadt ist ein Wespennnest von Klatsch&Gerüchten.
Alles wird im HNO-Bereich abgefackelt, das Mäulchen kommmt noch
hinzu. Eines Tages habe ich es satt und gehe. Wie der Duca.“
„Vergiß das bloß nicht! Und wohin?“
„Nach London oder in die Toskana.
Diese Leute verdienen mich nicht. Ich mache das stärkste Fernsehen,
und die Presse macht mich dauernd zum Gangster, Mafioso, Intriganten,
Securisten. Der Journalist, mit dem dich die Paparazzi letzte Woche
im Schwarzen Kater erwischt haben, ist ein As. Farbbild bei Vollmond,
ihr himmelt euch zärtlich an, hahaha. Du treibst dich nachts mit
meinen Feinden herum?“
„Du warst im Bett mit deinem trauten
Weib. Als Opfer taugst du nicht. Wenn du auch nur einen Augenblick
lang Schwäche zeigst, zerreißen sie dich. Eine Armee von Contras
ist hinter dir her. Sie warten nur darauf, daß dir die Knie weich
werden, dann stechen sie zu.“
„Der Augenblick kommt auch noch.“
„Mach hier nicht einen auf Opfer,
sonst wirst du eins. Ein bißchen Asche und ein paar Eierschalen.“
„Was bist du schwarz gestimmt heute
abend. Bist böse, daß du keine Sendung mehr hast, tja, ich hoffe,
das vergeht dir. Feinde? Nun, ich wehre mich meiner Haut, keine
Sorge. Ich bin aufs Knurren dressiert. Ich beiße, steche,
bespitzele, ich bringe dich vor den Ausschuß und mache dich fertig,
mit den Stimmen meiner Anhänger. Kurz, ich bringe dich um Lohn und
Brot. Hehehe.“
„Habe ich gemerkt.“ Schweigen.
Dann: „Paß auf mit dieser Lulu. Die ist ein ‚naives Früchtchen’.
Wie das halt so geht, ‚Verführung durch den Hominiden Puiu Duduş,
ein Exemplar der Gattung homo pithecanthropus virilis’.
Phase 1: Einladung ins Büro. Sobald sie schüchtern auf der Schwelle
erscheint, führst du sie ans Fenster und zeigst ihr den herrlichen
Park. Du seufzt melancholisch, es folgt eine mannhafte Erklärung für
deine Einsamkeit als großer Mann, der du bist, scheinbar ein
Wüstling, dabei eine Seele von Mensch. Du sagst drei Strophen von
Rimbaud auf, dann eine von Minulescu. Phase 2: Lagerung auf dem Sofa,
vorsichtig, zärtlich, damit das Rehlein nicht abhaut. Röckchen
hochschieben, rittlings über dem Kindchen, Liebeserklärungen,forever. Du zerrst an der Bluse und zeigst dich wild
entschlossen, sie zu zerreißen, um an die göttlichen Brüste dieser
Madonna zu gelangen. Du erklärst, daß du sie schon lange verhalten
beobachtest, ihren Gang bewunderst, ihre Art zu reden, ihre
Schönheit, ihre Klugheit. Du hast dich entschlossen, ihr eine Chance
zu bieten. Von Sex keine Rede. Du sagst ihr nur, daß du ihn nicht
mehr durchhältst, diesen Kampf mit den Dämonen, pardon, Hormonen.
Du sagst ihr, du hast Ehre im Leib, du ringst mit deiner Moral. Du
hast eine Frau, aber ihr lebt seit zehn Jahren nicht mehr zusammen.
Du hast keine Ahnung, wie sie nackt aussieht. Du fragst dich, ob das
wahre Liebe ist, was du für sie empfindest. Die Finger zwischen
ihren Schenkeln, den Mund an ihrem Ohrläppchen, erklärst du ihr,
daß du nun so erregt bist, daß es eine Dummheit wäre,
kehrtzumachen. Du sagst ihr auch gleich, daß sie du sagen kann und
Puiu, aber nur, wenn ihr allein seid und intim, nicht in der
Öffentlichkeit. Ihr müßt den Schein wahren, die Leute sind böse,
sie verstehen nichts von einem wahren Gefühl. Ist es nicht so, Puiu?
Und dann knetest du ihr Möschen zurecht, daß es zart erblüht,
feucht und frisch. Noch eine auf Ihrer Liste, Sire. Die arme Lulu
kennt die Geschichte nicht, soll ich sie ihr erzählen?“
„Du bist ja verrückt, du spinnst,
misch dich bloß nicht ein.“
„Ach nee! Meinetwegen kannst du
beruhigt sein. Ich will nur keine Ammenmärchen von dir hören. Das
wäre eine Beleidigung. Ich weiß, wie du sie manipulierst, die –
ich zitiere – ‚armen, schutzlosen Geschöpfe’.“
„Was ist los mit dir heute? Du
quasselst in einem fort, leg doch auch mal eine Atempause ein. Du
läßt deine Nerven an mir aus. Du bist traurig.“
„Nicht doch, wieso sollte ich. Lenk
nicht ab. Hast du sie soweit? Gibst du ihr eine Sendung? Gib ihr
meine, du magst eh nicht, was ich mache.“
„Tina!“ sagt er weich.
Sie hört nicht auf ihn, sie tänzelt
durchs Zimmer und säuselt: „Lu Lu Lu Lu.“ Keiner hört auf den
andern.
„Tinaaa!“ Duduş klingt bestimmter.
Auf dem Bildschirm Aufnahmen mit den
Bergleuten. Duduş richtet sich auf, steht vom Bett auf und geht
durchs Zimmer. Er dreht den Fernseher demonstrativ lauter, vielleicht
interessieren ihn die Nachrichten wirklich. Er malträtiert die
kaputte Fernbedienung. Er schaltet erregt quer durch die Programme.
Er treibt die Laustärke noch höher. Bis ihre Stimme übertönt
wird.
„Das ist Macht! Siehst du? Macht in
Reinkultur!“
Die Programme blitzen nacheinander auf,
immer nur eine oder zwei Sekunden. Auf dem Bildschirm ein Anschlag in
Beirut, ein Star auf dem Flughafen, Drogenschmuggel, Tooor, Komplizen
verhaftet, das Wetter.
„Glaubst du etwa, es gibt noch etwas
hinter dem Bildschirm? Alles ist Bild, nichts ist wahr. Es ist wie
die Frage, ob es jenseits der bekannten Welt noch etwas anderes gibt,
Gott zum Beispiel. Nichts gibt es, was über unsere Sinne hinausgeht.
Nichts als das, was wir auf dem Bildschirm sehen, im Fernsehen, im
Kino, am Computer. Die Wirklichkeit, wie wir sie kannten, ist im 20.
Jahrhundert dahingeschieden. Alles ist, was es scheint, im Grunde.
Die ‚objektive Wirklichkeit’, von der Väterchen Marx und sein
Onkel Hegel reden, ist ein Scheißdreck, meine Liebe. Es gibt sie
nicht, sie ist eine Chimäre. Alle waren hinter ihr her, vom
Mittelalter bis gestern. Zum Glück gibt es die Wissenschaft …“
„Du faselst, du spielst verrückt.“
Auf dem Bildschirm erscheint Jean Stan
auf einer Grünfläche, umgeben von Bergleuten mit kohleverschmierten
Gesichtern. Jean Stan im Vollgefühl seiner Bedeutung als
„Sonderberichterstatter“ auf einem Kriegsschauplatz.
„Der hat das Zeug dazu. Wenn der
lügt, merkt man es nicht, auch nicht in Großaufnahme. Der würde
deinen Duca schon kriegen.“
„Gib ihn ihm! Soll doch er nach Paris
fahren. Tu ihm was Gutes. Wieso ich?“
Duduş tut, als hätte er sie nicht
gehört: „Der Jean, ein Reporter von echtem Schrot und Korn.“
Bild&Ton. Arbeiter, Spruchbänder,
Fahnen, Sprechchöre.
Das sind so Tinas Spielchen. Eine
banale Liebschaft, hin- und hergerissen zwischen Nachrichten,
Fernsehen, Klatsch, Konflikten. Weder sie noch er glauben an die
Sache. Warum sind sie überhaupt da, zwischen ihnen ein breites Bett
mit grün-brauner Decke und großen gelben Kissen? Ich denke, sie
haben keine Ahnung. Ein bißchen Sex auf die Schnelle. Der Reporter
Jean Stan ist von Werbeclips für Waschmittel, Waschmaschinen, Gebt
den Kindern Süßes, Lebensversicherungen verschluckt worden. Als
wieder Nachrichten kommen, verkündet die brave Lulu, über die sie
gerade geredet haben, den Fernsehzuschauern, „die Nachricht,
derzufolge Avram Duca nächsten Monat nach Rumänien kommen werde, um
sich an den Dreharbeiten zu dem Film Maestro nach dem Roman
gleichen Titels zu beteiligen …“
„Der schon wieder!“
„Mach lauter!“
Sprecherin Lulu Popescu: „… ist
gestern abend aus Kreisen, die dem großen Künstler nahestehen,
dementiert worden. Wir erinnern, daß Avram Duca, seit er in den
Westen geflohen ist, nicht mehr nach Bukarest zurückgekehrt ist und
dies weiterhin ebenso verweigert wie eine Veröffentlichung seiner
Bücher in seinem Herkunftsland. Als Verfolgter des ehemaligen
Regimes …“
Duduş schaltet den Fernseher aus und
brummt: „Angeber!“
„Na bitte?! Und wieso soll ich dann
ein Interview machen? Erklär mir das!“
„So halt! Die Götter, Tina, haben es
beschlossen. Trocan.“
Er deutet mit dem Finger zur Decke.
„Du lügst schlecht. Was dir daran
liegt, weiß ich nicht.“
Sie fixiert ihn, er starrt zurück.
Zwei Raubtiere, die sich mit Blicken messen. Sie mögen ja ein
Liebespaar sein, ihre Blicke aber sind kalt – für den Augenblick
oder auch für mehrere, weiß der Teufel.
„Du hast mir nie gesagt, weshalb du
dich mit mir eingelassen hast.“
„Das klingt nach Abschied. Am Ende
möchte der Herr wissen, was ich in seinem Bett zu suchen hatte. Die
Wahrheit?“
„Nun ja. Wenn es überhaupt so etwas
wie Wahrheit gibt auf dieser Welt …“
„Verehrtester, du vögelst mich gut.“
„Haha, guter Witz!“
„Willst du noch?“
„Warum nicht.“
„Dir habe ich meine Karriere zu
verdanken. Emi hat mich zum TV gebracht, aber du hast mich unter den
Aspirantinnen entdeckt. Du hast die Kamera auf mich gerichtet und
hast gesagt: Los, du bist auf Sendung! Wie jedes uneheliche Kind habe
ich Komplexe. Ich brauche Rückendeckung, Bestätigung. Als ich klein
war, fühlte ich mich wie der Spatz im Staub. Immer schon haben mir
ältere Männer gefallen. Ich stellte mir vor, so müßte mein Vater
aussehen. Ich habe ihn nicht gekannt, leider. Und da kam den Herr“
– sie zeigt auf Duduş – „auf dem weißen Roß. Du hast mir die
Chance gegeben, vor laufender Kamera dummes Zeug zu reden. Ich habe
schon als unwissendes Kind davon geträumt, jemand zu sein.“
„Haha, hast du noch mehr von den
Klischees?“
„Haha“, äfft sie ihn nach.
„Wohltäter, der du bist, du hast mir die Türen geöffnet – und
die Schenkel! Haha. Nach einer Kindheit im Waisenhaus, einem elenden
Internat und dem Studentenwohnheim ist es ganz toll, ans Licht zu
treten.“
Tina lehnt am Fenster. Draußen
Schneeregen. Schlimmes Wetter. Ein Handy läutet.
„Es stört dich doch nicht?“ fragt
Duduş.
„Mich stört gar nichts.“
Duduş geht dran, er dreht ihr den
Rücken. Er redet abgehackt. Tina schaut weiter zum Fenster hinaus.
„In einer Stunde bin ich da. Ja. Ich bin gut angezogen, keine
Sorge. Mit Mantel. Ich habe auch ein warmes Unterhemd, ja, und den
Regenschirm. Ich lasse mich fahren, ich laufe nicht. Es ist kalt, ich
weiß. Tschüß!“
Er legt auf. Puiu Duduş setzt ein
Gesicht auf wie ein Hund, den man beim Stehlen erwischt hat.
„Deine Frau! Mußt du weg?“
„Geeenau!“
„Du betrügst sie mit allen
Flittchen, einschließlich diesem hier, wieso läßt du dich nicht
scheiden?“
„Gemeinsame Erinnerungen. Die Kinder.
Haben wir noch Zeit?“
Er legt die Uhr ab, knöpft sein Hemd
auf.
Der Bildschirm wird schwarz. Ich meine,
wir sollten hier einen Schnitt machen. Lassen wir unsere
Einbildungskraft wuchern. Das Schweigen besagt mehr, als wenn ich
hier schildern wollte, was in den nächsten 20 Minuten passiert. Ich
überlasse euch dem Vergnügen zu raten. Wenn eure Vorstellung nicht
ausreicht, schalten wir auf einen Pornokanal. Zur Zeit läuft ein
Filmchen mit einem großen häßlichen Mohren, man drücke die Taste
7. Mit einem Dingsda bis zum Knie, er ist bemüht, es einer
skandinavischen Schönheit mit goldenem Haar bis zu den Arschbacken,
Ulla, in die Muschi zu rammen. Sie befinden sich in einer Werkhalle
inmitten von Drehbänken und Eisenteilen. Er ist ein Proletarier ohne
Klassenbewußtsein, denn das Mädel ist die Tochter des Werkinhabers.
Auf Kanal XXL findet ihr ein Trio mit zwei Damen, die ein Playboy in
einem klapprigen Ferrari irgendwo in Italien an der Straße
aufgelesen hat. Das Abenteuer nimmt am Meeresstrand seinen Lauf. Ihr
könnt einen gepflegten Blowjob bewundern, den die eine Nutte, die
Russin Sascha, ausrichtet. Sie hat eine traurige Geschichte mit dem
KGB und ihren Eltern, die ins Lager verschleppt worden sind. Wegen
Armut und Verfolgung verläßt sie das Vaterland in Richtung freie
Welt, statt als treuliebende Verlobte in Odessa zu bleiben. Die
andere, petite Rose, Pariserin, sieht ihnen zu. Als es ihr
langweilig wird, geht sie dazwischen, um auch noch etwas abzukriegen.
Sie bietet ihre Nippel zum Saugen an, wir sehen, wie sie anal
penetriert wird, sie stöhnt, während die KGBlerin eine
Zitronenlimonade schlürft und den Playboy und Ferrarifahrer an ihrer
Fotze züngeln läßt. Weitere Szenen: Ein ziemlich reifer Herr wirft
seine Schuhe unter den Heizkörper und streift die Krawatte über den
Kopf. Sie tritt vom Fenster zurück, hinter dem sich die
postapokalyptische Landschaft einer Industriestadt auftut, banale
graue Plattenbauten, auf deren Balkonen voller Gläser und Flaschen
Wäsche zum Trocknen hängt. Sie setzt sich auf den Rand des Bettes,
öffnet den Verschluß des BHs. Nicht doch, das macht er auf ihr
Verlangen. Wir müssen auf die Einzelheiten achten. Sie schüttelt
ihr Haar, streift mit einer einzigen Bewegung ihr Höschen ab –
himmelblau – und legt sich auf den Rücken, wie ein Brett. Das sage
ich euch nur so, falls eure Einbildungskraft nicht reicht und ihr
nicht wißt, was Duduş&Tina im Schlafzimmer machen.
Anstandshalber habe ich die Beischlafszene der Heldin mit ihrem Lover
herausgeschnitten, ein bißchen Geheimnis schadet ja nicht. Im
Gegenteil, es hilft. Wenn ich nicht schlafen kann, gucke ich Pornos
bis zum Abwinken. Ich masturbiere, damit ich gut schlafe. Ich habe
göttliche Finger, die kennen sich aus. Wenn ich ans Jungfernhäutchen
komme, bin ich ganz hin und weg. Habt Nachsicht mit eurer Emiluţa.
Sie ist halt eine Perverse. Wenn ihr brav seid, werde ich euch
irgenwann die Scheide hyperrealistisch ausmalen, genauer als jeder
Geograph vom Kiez.
Hast du Herzklopfen? Jetzt schon? Du
hast ja noch gar nichts gehört. Das war Pipifax, nur zur
Einstimmung. Das Melodram beginnt erst! Mein Herr, ich habe versucht,
mir die Halsschlagader durchzuschneiden, mit einer Glasscherbe, das
war noch härter als in Laßt die Frauen nicht allein, Folgen
4, 17, 33, 59, 81. Als Selbstmörderin bin ich ein Profi. Ich habe
eine Akte bei der Notaufnahme wie die Nutten bei der Polizei. Ich
habe giftige Pilze gegessen. Ich habe Schlafmittel geschluckt, die
ein Regiment Soldaten umlegen würden. Und da schau her, ich bin
nicht gestorben. Nun, ich bilde es mir zumindest ein, keine Ahnung.
Im Entlassungsschein des Krankenhauses steht, man habe mich
wiederholt Magenspülungen unterzogen, ich sei zwei Tage dabehalten
und dann entlassen worden, allerdings unter Beobachtung, damit ich’s
nicht wieder tue. Wer mich bewachen und beobachten sollte, weiß ich
wirklich nicht. Ich lebe allein. Ich habe es wieder getan, es kam
halt so über mich, ich wollte sterben. Ich hatte drei Wochen lang
keine Minute geschlafen und öffnete mir die Pulsadern. Ich legte
mich in die volle Badewanne. Das Wasser rötete sich, und das Leben
rann nach und nach aus meinem Körper. Ich wurde ohnmächtig. Ich
hatte Visionen mit einem Straßenbahndepot, hohen grauen Gräsern und
Hunden, die im Müll schnüffelten. Aha, meine Bestimmung ist also
nicht das Paradies, ganz klar. Der Engel kam durchs Fensterchen ins
Bad. Mit einem Hauch stoppte er die Blutung. Er ließ das Wasser aus
der Wanne. Er verband mich mit dem Mull aus dem Nachtkästchen. Die
ganze Nacht blieb er bei mir und hielt meine Hand. Er besuchte mich
dann täglich, bis ich wieder zu Kräften kam. Als ich anfing zu
reden, verschwand er, ich habe ihn nicht mehr gesehen. Er erscheint
mir noch im Schlaf, aber nur stückweise, hinter einer Wand, einer
angelehnten Tür, kopfüber an der Dachrinne hängend. Nie zeigt er
sich mir ganz, nur in Teilen. Und da bin ich, verdammt lebendig, und
erzähle euch die Geschichte von Tina.
Wir kennen uns schon lange. Liebe auf
den ersten Blick. Als wären wir von derselben Amme gesäugt worden.
Von Kind auf. Dasselbe Viertel, dieselbe Häuserecke. Tanztees,
Komsomol, Jungs, Klausuren, armseliges Lyzeum. Gemeinsam haben wir
den Hochschulabschluß geschafft; sie ging in die Provinz. Das war
besser für sie, Bukarest war voller Ratten. Sie bevölkerten die
Gehsteige, sie überquerten in langen Zügen die Boulevards. Sie hat
eine Heidenangst, nur eine braucht sie zu sehen, schon wird sie
ohnmächtig. Wir telefonierten, wir schrieben uns. Sie war dem
Ersticken nah, dort, einmal sagte sie: Mach was, ich sterbe! Ein
einziger Mief, Zwiebeln, Rindviecher, Langeweile, Staub, Blödmänner.
Nach einem Jahr war sie wieder da, eines Nachts stand sie in meinem
Dachstübchen. Sie war ein bißchen schwanger und brauchte einen
Gynäkologen. Zum Abtreiben, um das Elend loszuwerden. Heiße Kiste,
Abtreiben war verboten, Ermittlungen, Prozesse, Gefängnisstrafen,
das ganze Programm. Erwischtwerden war scheiße. Man mußte einen
finden, der es riskierte, für gutes Geld, wie du dir vorstellen
kannst. Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, woher soviel Kohle, wo
wir doch gerade so über die Runden kamen und Tina jetzt gar nichts
mehr verdiente. Es ergab sich nichts, ihr Bauch wuchs. Sie war schon
fast im vierten Monat, und kein Silberstreif am Horizont. Überall
Spitzel, die scharf waren auf die dreckige Belohnung. Eine Anzeige
bei der Miliz, und der Doktor war geliefert. Du aber auch, die du die
Beine breitmachtest und die Leibesfrucht abtriebst, das Gut des
gesamten Volkes. Ein Kopflohn war ausgesetzt. Die Zeitungen brachten
solche Fälle, zur Einschüchterung. Auch ins Büro kam ein Typ. Alle
Kolleginnen mußten die Muschi herzeigen, wir waren halt jung, hübsch
und fickrig. Der wußte schon, wonach er suchte. Nach der wertvollen
Frucht, wie sie vielleicht die eine oder andere im Unterleib trug,
nachdem sie wie wild gebumst hatte mit irgendeinem Suffkopp, der
gerade Gehalt gekriegt, also Geld für Wodka und Lust auf einen Fick
hatte. Wenn der Typ dich trächtig erwischte, wurdest du bewacht wie
die Gebeine der heiligen Paraschiva. Du wurdest Woche für Woche
untersucht, du solltest nicht etwa dem geliebten Vaterland ein Baby
rauben und es in den Müllschlucker schmeißen. Dann warst du dran,
du und der Gynäkologe im Doppelpack. Es hagelte Anzeigen. Die kamen
kaum nach mit dem Lesen, so viele waren es. So ist halt der gute Mann
von nebenan, nett und freundlich, immer einen Spruch auf den Lippen;
und wenn’s drauf ankommt, dann verpetzt er dich. Wieso auch nicht?
Steht es denn in den Zehn Geboten, du sollst deinen Nächsten nicht
anzeigen? Wenn du ihn liebst und er Dummheiten macht, dann kannst du
ihn ruhig den Behörden melden, es ist zu seinem Besten. Nun, Tina
wollte nicht Mutti sein. Wir suchten verzweifelt nach einem
Quacksalber, mit dem wir einen Deal machen konnten. Er sollte die
Kohle kriegen, auf die eine Gefängnisstrafe stand, nur damit Tina
nicht in den Genuß der allseits beliebten staatlichen Förderung
kam, die bei der Geburt ausgezahlt wurde. Na und? Wir haben sie
geheimerweise nachts ins Krankenhaus eingewiesen, wo der Quacksalber
Dienst hatte, allein. Tina kriegte Zustände beim Anblick der
beängstigend gleißenden Fliesen im Operationssaal. Ich hielt ihr
Händchen, es war, als hätte sie das Kind mit mir gemacht und nicht
mit irgendeinem Säufer. Aber ich mußte ihr Mut machen, sie war
drauf und dran, umzukippen. Den Sex hast du genossen, jetzt zahlst du
dafür. Es war der klassische Trick, „spontane Fehlgeburt“, du
hast etwas Schweres die Treppe hinaufgeschleppt, dabei ist etwas
gerissen dort unten und die Leibesfrucht ist abgegangen. Du kriegtest
eine Transfusion, die die Blutung auslöste. Die Staatsanwaltschaft
wurde gerufen, um zu befinden, du markiertest die Unglückliche und
heultest, wenn der Kerl mit dem Notizblock auftauchte, ein bißchen
schauspielern mußtest du schon können. Du gabst die Frau in ihrer
Verzweiflung, daß sie nicht glückliche Mutter sein würde. Es war
lachhaft, alle wußten, was Sache ist, aber man drückte ein Auge zu.
Nur, bei meiner Tina begann das Blut zu fließen und hörte nicht
mehr auf. Ich dachte, sie stirbt, sie war bleich, grün, grau,
bläulich, schwarz, kalkweiß im Gesicht. Auch der Doktor kriegte
einen Schreck, er hatte schwache Nerven. Er sah sich schon mit einer
Leiche im Keller, bei der Staatsanwaltschaft, ein Geständnis
ablegen, der Unterfertigte, angeklagt der fahrlässigen Tötung,
Strafmaß zehn Jahre. Das klingt heute wie ein schlechter Witz, aber
damals war es ernst. Das Leben rann aus Tina, aber nicht
tröpfchenweise, nicht nach und nach. Es drängte mit panischem
Schwall hinaus aus ihrem eh schon geschwächten Körper. Nur eine
sofortige Blutspende konnte sie retten. Wenn überhaupt. Woher aber
ihre Blutgruppe, A2, Rh-positiv. Der Doktor ließ mir eine Probe
abnehmen, aus Verzweiflung und auf gut Glück. Kaum Hoffnung. Er
hatte eine dralle Assistentin, die in den unpassendsten Momenten
Witze riß. Sie sprach vom Tod wie von einer Zigarette. Sie sagte
geradeheraus Schwanz, Fotze, Titten, Arsch, Ficken. Ich war damals
ein Mauerblümchen, eine Mimose, ich errötete. Jetzt habe ich ein
Maul, das ist schmutziger als ein Gully. Tinas Chancen sanken gegen
null. Du wirst schön sterben, Fräulein, sagte die Assistentin.
Besser so als alt werden, verschrumpeln, überall Schmerzen haben,
häßlich werden. Lieber so jung, damit das ganze Viertel dem
Leichenwagen hinterherweint, du Schöne. Du wirst jede Menge Leute
haben an deinem Sarg. Und Blumen, ich höre, du magst sie. Die machte
ihr ja vielleicht Mut. Der Doktor sah gelbsüchtig aus. Er konnte
nicht wissen, daß wir den Teufel in uns tragen, ich ebenso wie Tina.
Wir gehören zur selben Gattung von Unglücklichen. Er hätte nicht
Tinas Farben annehmen müssen, grün, weiß, bläulich, bis sie dann
doch glimpflich davonkam. Schwein gehabt, auch unser Blut paßte
zusammen, nicht nur unsere Lover und all die anderen Spielchen. Sie
zapften mir Blut ab, es hätte eine ganze Wanne gefüllt. Das war ein
Anblick, wie wir beide dalagen auf der kackbraunen Wachsleinwand mit
schmutzigen, zerrissenen Laken. Der Doktor stand an der Tür und rang
die Hände, er hatte Angst, daß der Staatsanwalt auftauchen könnte,
der für die proletarische Moral zuständig war, oder daß gerade
irgendeiner von seinen Feinden im Krankenhaus sein Wesen trieb, der
ihn überprüfen und seine Karriere versauen würde. In den
Geburtskliniken wimmelte es von Spitzeln. Er hatte ein verdammt
schlechtes Geschäft gemacht mit den 3000 Lei von diesem Fräulein
Tina. Und dann wollte sie ihm auch noch ein Schnippchen schlagen!
Abkratzen, während er Dienst hat und ihr die Fotze auskratzt.
Mach’s, laß keine Gelegenheit aus, sagte die Assistentin, auch ich
ficke alles. Keiner ist mir durch die Lappen gegangen hier im
Krankenhaus. Ohne Kondom aber läßt du ihn nicht in die Möse. Will
er, gut, will er nicht, tschüß! Der Nächste bitte! Das Gequatsche
von wegen, er zieht den Schwanz aus dir, wenn er soweit ist, glaub es
bloß nicht. Die Männer, Mädels, hört, was ich euch sage, die
vergessen sich, wenn es um ein bißchen Pippifleisch geht, die
vergessen alles. Feige sind sie auch noch, wenn es drauf ankommt,
verschwinden sie und vergessen sogar, wie du heißt. Nun denn. Sie
ließen mich fast ausbluten, ich hatte einen Filmriß und wurde
ohnmächtig. Ich erinnere mich an die weiß gleißenden Fliesen, an
die flackernde Glühbirne und an Tina, wie sie dalag, halb tot. Als
ich zu mir kam, lag ein kleines bläulich-rosa Etwas blutig wie ein
neugeborenes Kätzchen in einer weißen Emailschüssel, in der der
Doktor seine OP-Instrumente gehalten hatte. Er hatte es Tina gezeigt.
Sie weinte. Mein Kind, mein Kind! Sie hielt ihren Kopf in den Händen
und wiegte sich auf dem Bettrand, den Blick starr auf die
Emailschüssel gerichtet, wie eine Verrückte. Wie unter Drogen. Ich
pennte weg, ich war sehr geschwächt. Der Doktor und die Assistentin
verfrachteten uns in ein Auto und karrten uns nach Hause, damit wir
nicht etwa im Krankenhaus krepierten und sie Ärger bekämen. Es war
im Morgengrauen, als sein Dienst zu Ende war. Die Straßenbahnen
traten ihre Fahrt an, in den Wagen saßen die letzten Nachschwärmer,
die sich dann wer weiß wohin verzogen.
Was Tina zu jener Zeit machte? Die war
ziemlich arbeitslos und rannte kleinen Jobs hinterher. Ich war als
Büromäuschen beim Radio gelandet, aber es reichte kaum, denn wir
teilten alles, wie du dir vorstellen kannst. Nichts zu reißen,
nichts zu beißen, keine von beiden. Zeitweise war sie verschwunden;
dann tauchte sie wieder auf, mit Ringen unter den Augen und bitter
enttäuscht von irgendeinem Hosenträger. Ich genauso. Und so ging
das immer weiter, bis 89, zur Adventszeit, als sie um ein Haar von
einem Soldaten durchsiebt worden wäre. Ja, Menschenskind, du hast
Abtreibung und Hunger überstanden, bist nicht verreckt vor Ekel und
Angst, und jetzt stirbst du den Heldentod durch eine Kugel. Der
wollte sie erschießen, weil sie keine Papiere vorzeigen konnte,
Zitat: Ich habe den Befehl, auf alles zu schießen, was sich bewegt.
Vor allem auf geile Mädels, was? Als jagte er Spatzen. Tina, die
Pistolenmündung zwischen den Titten: He Kleiner, wenn ich ficken
gehe, dann nehme ich keine Papier mit, sonst kriegt mich die Miliz
und erklärt mich zur Hure. Es ist Weihnachten, mein Junge in Khaki,
mach mal halblang. Eine ganze Woche war meine Tina mit einem im Bett
gewesen. Sie hatte keine Ahnung, was los war. Sie hatte das Telefon
aus der Steckdose gezogen, kein Radio, kein Fernsehen. Als sie auf
die Straße trat, dachte sie, die Kugeln sind ein Spaß, zur
Belustigung der dumpfen Massen. Und zack, wurde sie von Soldaten
gestellt. Es wurde geballert, was das Zeug hielt. Ein Viertel voller
Verrückter, die ihre Magazine leerschossen. Begreif das doch,
Gnädigste, bleib zu Hause, wenn dir dein Leben lieb ist. Sie begriff
nicht. Genau das wollte die Tina, sehen, was los ist, welches Spiel
gespielt wird. Sie brannte lichterloh. Sie hatte Blut geleckt. Ihre
Nüstern sogen den Pulverdampf, den Gestank von Diesel und Kerosin
begierig auf. Emiluţa, also ich, nichts wie hin zu der Adresse, von
wo sie mich angebimmelt hatte. Sie hatten ihr eine Münze fürs
Telefon gegeben, ihr letzter Wunsch sozusagen. Ich sollte sie vor den
Bajonetten der Soldateska retten, so sagte sie. Ich war in jenen
Nächten auf den Straßen unterwegs gewesen, hatte mich unter die
Aufständischen gemischt. Hatte Wasser und Brot geschleppt, hatte
geschrien: Nieder! Hatte Panzerfahrer angefleht, in die Kaserne
zurückzukehren, hatte in der U-Bahn geschlafen. Ich kam todmüde
nach Hause, als das Telefon schrillte. Tina, natürlich. Ich solle
sie holen. Sie war im Kiez und zwitscherte, man werde sie an die Wand
stellen. Was zum Teufel geht vor in dieser beschissenen Stadt? Was
wird da für ein Film gedreht? Massenszenen, Statisten, das ganze
Programm. Ein Zug Soldaten wolle sie vernaschen. Ihre Schwänze
stehen wie Maschinenpistolen, ich schwör’s. Wenn die mich weiter
so erschrecken, setzen bei mir die Wehen ein, ich erleide eine
Fehlgeburt oder komme gleich in die Wechseljahre, meine Liebe. Sag
auch du’s ihnen. Die sind geil. Da solle die Emiluţa doch was
machen und dem Lümmel da bezeugen, daß sie die ist, die sie zu sein
behauptet. Selbst wenn sie keine Papiere hat, ist sie eine redliche
Frau. Etwas betrunken und unausgeschlafen, wie du dir vorstellen
kannst. Menschenskind, es ist Revolution, sagte ich zu ihr. Quatsch
mit Soße! keifte sie. Ich hatte sie schon genug gelangweilt. Der
Diktator ist kaputt, sagte ich. Er ist erledigt! legte ich nach.
Komm, mach mich nicht verrückt! Sie glaubte kein Wort.
Emiluţa also: Wumm, den Hörer auf die
Gabel geknallt und auf dem Absatz kehrtgemacht. Ich hoffte, sie
lebendig vorzufinden. Die Soldaten fackelten nicht lange, die hatten
Befehle. Der Trabbi brachte mich zu der Adresse. Die Kugeln pfiffen!
Iij iij iij! Iij iij! Ich rauschte am Tatort herein und nahm mir den
Soldaten vor. Wie ich schon sagte, beim Radio wischte ich Staub in
den Büros und kochte Kaffee für einen Chef, der versessen war
darauf, mich während der Arbeitszeit zu vögeln. Er war verrückt
nach meinem Hintern. Zum Glück war er impotent. Er hatte seit dem
Besuch von Nixon, wo er als Pressekorrespondent dabeigewesen war,
keinen mehr hochgekriegt. Ein Foto mit ihm und Nixon hing in seinem
Büro. Der Kerl in Khaki, der Tina mit der Kalaschnikow
drangsalierte, scherte sich einen Dreck um meinen Schrieb mit dem
Stempel vom Radio. Damit könne er sich den Arsch wischen, wenn er
Durchfall bekäme. Ich sagte ihm, die Verhaftete sei für die
Revolution, habe gekämpft, sei auf unserer Seite. Tina grinste und
rauchte. Was zum Teufel soll die Pistole? Du drückst aus Versehen ab
und hast einen unschuldigen Menschen umgebracht! Kaum hatte ich den
soweit, da ging Tina auf mich los. Sie fuhr mich an, ich solle keine
dummen Witze machen. Was denn für eine Revolution, bist du verrückt
geworden? Das gehe ihr irgendwo vorbei, du weißt schon, wo, und ich
solle besser aufhören mit dem Herumkaspern. Sie meinte, wir wollten
uns über sie lustig machen. Der Kerl in Uniform wollte sie unbedingt
in die Kaserne schleppen. Oder auf der Stelle erschießen. Da
brannten bei mir die Sicherungen durch, Mann. Ich begann ihn
anzuschreien, ihn zu kratzen, hysterisch loszuheulen. Der Kerl
erschrak. Er sah nur, daß die Kleine dort sich kaputtlachte, während
diese hier auf ihn losging und ihn schlagen wollte. Ein verstaubter
General, dieser Mardare, kam vorbei; er sah stumm zu. Die ruhmreiche
rumänische Armee, entwaffnet von zwei Flittchen. Noch dazu trug ich
eine Armbinde. Ich hätte lieber ein Höschen flattern lassen sollen.
Der dachte an Auszeichnungen, Beförderungen, Befehlsgewalt. Dann war
da noch die Trikolore an meinem Trabbi, denn ich bin von Haus sowas
von patriotisch, zum Fürchten ist das. Und da es ja nun ums
Vaterland ging, kapitulierte der General. Er befahl der Truppe,
abzuziehen. Die Sache endete mit Glanz und Gloria. Der Zugführer im
Rang eines Sergeanten und seine Muschkoten hatten sie durchlöchern
wollen, daß man das Mehl für den Maisbrei durch sie hätte sieben
können. Und sie dann zu den Leichen auf dem Bügersteig gelegt –
lauter Schußwunden –, um deren Eingeweide sich die Straßenköter
des Viertels rissen. Des Teufels sind die, fressen nur
Menschenfleisch, Leber, Niere, Lunge. Viele sind’s, eine Meute,
gierig, verrückt von der Witterung. Das sagte er, ziemlich
einsilbig, zu uns, Tina&Emiluţa, als wir nach dem Vorfall eine
rauchten. Wir machten Bilder. Einer von denen hatte eine Laika, große
Klasse. Gruppenfoto, wir beide mit dem ganzen Zug, wir grinsten, zur
Erinnerung. Wenn man bedenkt, die hatten die Tina umnieten wollen! Da
hättest du nichts mehr zu ermitteln gehabt. Der Zugführer stand
kurz vor den Entlassung, er hatte keine hundert Kasernentage mehr.
Tina gab ihm Geld, er sollte sich mit den Kameraden besaufen. Einen
trinken auf die Revolution, aufs Vaterland und auf die Liebste, nach
Herzenslust. Freigiebig zückte sie das Parfümfläschchen aus der
Handtasche und bespritzte ihn. Dann mich. Im Himmel werde ich deine
Magd sein, zur Belohnung! flötete sie mir ins Ohr. Ich weiß nicht,
was sie daran so lustig fand. Ich war verheult und halb tot, während
sie lachte. Ich brauchte eine Dusche, Zigaretten, Kaffee. Die Stadt
qualmte, Leuchtspurgeschosse fauchten durch die Dämmerung. Eine
Wagenkolonne fuhr vorbei, auf den Ladeflächen wurden Fahnen
geschwungen und Salven in die Luft geschossen. Dann hielt vor uns
eine verstaubte Schrottkiste von einem Bus, jämmerlich quietschend
wie ein kaputtes Akkordeon. Der Fahrer schielte in den großen,
gesplitterten Rückspiegel, um zu sehen, ob wir, die beiden da mitten
unter den Soldaten, noch am Leben waren. Die Soldaten stiegen ein,
wir blieben in der Haltestelle zurück. Du hast mich vor dem Tod
gerettet! sagte Tina pathetisch. Und das fandest du so zum Lachen!
gab ich zurück. Plötzlich war die Straße wie leergefegt. Von
irgendwo wurde geschossen. Tina hat später erfahren, daß unser
braver Soldat nicht mehr nach Hause entlassen worden ist. Noch am
selben Abend hat ihn eine Feuergarbe niedergemäht, 89 im Advent.