Gabriela Adameşteanu

September 30, 2008
Author: Georg Aescht
Translated by: Georg Aescht

 

Die rumänische Autorin, 1942 geboren, ist zumal nach der Revolution von 1989 zu einer Autorität geworden: Sie ist Chefredakteurin der nach jenem für Rumänien schicksalhaften 22. Dezember 1989 benannten kulturpolitischen Wochenschrift „22“ und damit eine – diskret – bestimmende publizistische Persönlichkeit im mühsamen postsozialistischen Diskurs, in dem das Land seine lang verschüttete europäische Identität sucht. Als solche ist sie auch in Deutschland wahrgenommen worden.

Diese bedeutende Rolle und das damit verbundene Arbeitsaufkommen ist die eine Erklärung für die Zurückhaltung, mit der sie in der rumänischen Literaturszene aufgetreten ist und auftritt. Der wesentliche Grund jedoch für ihre verhaltene Präsenz als Schriftstellerin liegt in den strengen gestalterischen Maßstäben, die sie sich selbst auferlegt. Das Ergebnis hat spätestens beim Erscheinen dieses Romans, ihres zweiten und vorläufig letzten, 1984 die Kritiker im Land, aber auch die unabhängige Rezensentin von Radio Free Europe und „graue Eminenz“ der rumänischen Literatur, Monica Lovinescu, in schieres Erstaunen versetzt. In der Zwischenzeit hat sie den Text weiter aus- und das eingearbeitet, was die sozialistische Zensur gestrichen hatte – allerdings sind das keinerlei billigen „Subversionen“. (Daß seinerzeit auf gewisse tabuisierte Vokabeln und historische Episoden verzichtet werden mußte, versteht sich.) Im Gegenteil, man staunt, wie dieses schon in der Anlage zutiefst „unsozialistische“ Buch just unter Ceauşescu überhaupt hat erscheinen können. Die Erklärung ist schlicht und schon bei Karl Kraus vorformuliert: Der Zensor hat es nicht verstanden, denn hätte er das, dann hätte er es, wie K. K. giftete, „zu Recht verboten“. Und verstanden hat er es deshalb nicht, weil es gut geschrieben ist.

Angesichts des geringen Volumens von Gabriela Adameşteanus literarischem Schaffen (neben zwei Romanen noch einige kurze Prosa und natürlich Feuilletonistik) wäre man geneigt, sich über die fast routinierte, jedenfalls virtuose Gestaltung der Romanstruktur bis in die einzelnen Verästelungen zu wundern, wüßte man nicht von Anbeginn, daß hier eine Romancière am Werk ist, die sich in erster Linie eines auferlegt hat: Anspruch an sich selbst und permanente Skrupel, diesem nicht zu genügen. Der Anspruch ist denkbar hoch: Geleistet werden soll nichts minderes als eine bukaresterisch-rumänische „Kosmogonie“. Daß das möglich ist, beweist dieser Roman.

Dreh- und Angelpunkte in diesem schrägen, krummen balkanesischen Weltall, das wunderbarerweise funktioniert, sind Gegensatzpaare wie Egoismus und Permissivität, grobe Grundehrlichkeit und tröstliche Heuchelei, Feindseligkeit und Einsicht, daß auch der andere nur ein armes Schwein ist, hierarchisch-elitärer Dünkel und die Schlauheit, mit der er unterwandert wird. Das Paradoxon ist der allgegenwärtige Algorithmus, mit dem all die vielen Gleichungen mit all den vielen Unbekannten gelöst werden können.

Im Mittelpunkt steht eine alte Frau, Madam Delcă. Sie ist Bukarester Vorstadtgeblüts aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und hat ehemals einen Krämerladen betrieben, in dessen heruntergekommenem Gemäuer sie und ihr Mann ein kümmerliches Dasein fristen. Jetzt ist sie gezwungen, sich durch eine von den Kommunisten heruntergewirtschaftete Gesellschaft zu schnorren. Der scharfe Blick der Geschäftsfrau durchdringt, ohne von irgendwelchen Ideologien oder Illusionen getrübt zu sein, menschliche Masken und komplizierte, verdeckte zwischenmenschliche Beziehungen nicht nur im angestammten Milieu, sondern auch in der Bukarester Hautevolee, die sie sich als Zugehfrau erschlossen hat und von deren Vertrauen sie immer noch zehrt.

Von dieser noblen Gesellschaft haben Krieg und Kommunismus nur noch kümmerliche Reste übriggelassen, die Lebenskraft ist ihr entzogen worden, ihre Hoffnungsträger sind nach Westeuropa abgewandert, doch gerade an den zweifelhaften Überbleibseln läßt sich ermessen, welche schicksalhafte Trägheit der rumänischen Gesellschaft seit jeher eignet und wie fatal diese sich in bewegten Zeiten wie denen des 20. Jahrhunderts auswirkt.

Gestaltet werden diese komplexen Zusammenhänge unter grundsätzlichem, vollständigem Verzicht auf jeden auktorialen Kommentar, auf jedwelche Erläuterung „ex catedra“. Die „Kommentargewalt“, also Deutungshoheit hat vielmehr just die vermeintlich unbedarfteste Gestalt inne, eben diese Madam Delcă, deren innerer Monolog und direkte Rede einen Gutteil des Buches ausmachen.

Ihre begrifflich prekäre, ins Rotwelsch changierende Ausdrucksweise ist der Komplexität nur scheinbar nicht gewachsen. Der eigendynamische Slang erscheint vielmehr als einzig angemessene epische Form, in die ein dermaßen fremdbestimmtes, unter- und zerdrücktes, strukturloses, zähes, mahlendes und oftmals zermalmendes Einzel- und Volksgeschick gebracht werden kann. Die Ahnungslosigkeit formuliert intuitiv richtig, dabei scheint aber immer durch, daß es „das Richtige“ gar nicht gibt. Dramatik findet nicht in der Form von Konfliktsteigerungen, Zuspitzungen und Katastrophen statt, sondern als schleichendes Elend. Dem entspricht der eiernd kreisende – zumeist innere – Monolog der Haupt- und der anderen Gestalten, der immer darauf angelegt ist, die Dinge ja nicht auf den Punkt zu bringen, sondern darüber hinweg-, sie hinwegzuräsonnieren. So regeneriert sich Ratlosigkeit aus sich selbst und geriert sich dabei ständig als Weltweisheit – die sie ja schließlich auch ist.

Was so aufscheint, das ist Rumänien, der Balkan, wie er leibt und lebt – oder eben nicht eigentlich lebt: Umfassendes Elend, Ärmlichkeit und Armut auch im Geiste hie – lebenswerte Substanz in zwar sentimentaler, kitschiger, aber oft erstaunlich vitaler Form da, und über allem der kümmerliche Triumph, daß man überlebt.

Den Spagat zwischen Zynismus und Verständnisinnigkeit hält nur ein Text aus, der bis in die letzte Nuance stimmt, weil er dem Volk vom Maul abgelesen und mit schärfster Feder niedergeschrieben ist.
 

About this issue

This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

Translator's Choice

Author: Stelian Tănase
Translated by: Jean Harris

From Maestro: A Melodrama. Episode 7

Emiluţa has an unfortunate thought. She’ll throw herself off the top of the building. Why? What the fuck? Let’s say for the cause of PeaceonEarth, for the slumdogs, Europe, for the lonely. Which is to say she doesn’t have a ghost of a reason. Viva Walachia! The way things stand, if ...

Translator’s Note
Translator’s Note: a synopsis
Author: Ştefan Agopian
Translated by: Ileana Orlich

How I Learned to Read (from Tache de Catifea / The Velvet Man)

The bearded man was the owner of an apothecary shop where he worked with two apprentices. Nobody paid me any mind, so I spent all day in what was supposed to be the shop. I say this because it was a large, dark room full of odors—a mix of smells from everywhere. The room hadn’t been cleaned ...

Translator’s Note
Re: Learning to Read, from Tache de catifea / The Velvet Man
Author: Gabriela Adameşteanu
Translated by: Patrick Camiller

Wasted Morning - Napoleon in Bucharest

“What you’ve got here is heaven on earth,” Vica says as she drops onto the kitchen chair. “But where’s your mother?” “At work,” Gelu lazily replies, leaning sideways against the door. “She’s doing mornings this week, didn’t you know?” He is tall and thin, with unset ...

Author: Petre Ispirescu
Translated by: Jean Harris

Youth Without Age and Life Without Death

It happened once as never before-y, ‘cause if it couldn’t be true, it wouldn’t make a story about the time when the poplar tree made berries and the willow tree broke out in cherries, when bears began to brawl with their tails, and wolf and lamb, unfurling their sails, threw arms around each ...

Translator’s Note
On Petre Ispirescu
Exquisite Corpse

Planned events in Cultural Agenda see All Planned Events

17 December
Tardes de Cinema Romeno
As tardes de cinema romeno do ICR Lisboa continuam no dia 17 de Dezembro de 2009, às 19h00, na ...
14 December
Omaggio a Gheorghe Dinica Proiezione del film "Filantropica" (regia Nae Caranfil, 2002)
“Filantropica” è uno dei film che più rendono giustizia al ...
12 December
Årets Nobelpristagare i litteratur Herta Müller gästar Dramaten
Foto: Cato Lein 12.12.2009, Dramaten, Nybroplan, Stockholm I samband med Nobelveckan kommer ...
10 December
Romanian Festival @ Peninsula Arts - University of Plymouth
13 & 14 November 2009. Films until 18 December. Twenty of Romania's most influential and ...
10 December
Lesung und Gespräch mit Ioana Nicolaie
Donnerstag, 10. Dezember, um 19.30 Uhr Ort: Szimpla Café Gärtnerstrs.15, ...
 
 

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