Die rumänische Autorin, 1942 geboren, ist zumal nach der Revolution von 1989 zu einer Autorität geworden: Sie ist Chefredakteurin der nach jenem für Rumänien schicksalhaften 22. Dezember 1989 benannten kulturpolitischen Wochenschrift „22“ und damit eine – diskret – bestimmende publizistische Persönlichkeit im mühsamen postsozialistischen Diskurs, in dem das Land seine lang verschüttete europäische Identität sucht. Als solche ist sie auch in Deutschland wahrgenommen worden.
Diese bedeutende Rolle und das damit verbundene Arbeitsaufkommen ist die eine Erklärung für die Zurückhaltung, mit der sie in der rumänischen Literaturszene aufgetreten ist und auftritt. Der wesentliche Grund jedoch für ihre verhaltene Präsenz als Schriftstellerin liegt in den strengen gestalterischen Maßstäben, die sie sich selbst auferlegt. Das Ergebnis hat spätestens beim Erscheinen dieses Romans, ihres zweiten und vorläufig letzten, 1984 die Kritiker im Land, aber auch die unabhängige Rezensentin von Radio Free Europe und „graue Eminenz“ der rumänischen Literatur, Monica Lovinescu, in schieres Erstaunen versetzt. In der Zwischenzeit hat sie den Text weiter aus- und das eingearbeitet, was die sozialistische Zensur gestrichen hatte – allerdings sind das keinerlei billigen „Subversionen“. (Daß seinerzeit auf gewisse tabuisierte Vokabeln und historische Episoden verzichtet werden mußte, versteht sich.) Im Gegenteil, man staunt, wie dieses schon in der Anlage zutiefst „unsozialistische“ Buch just unter Ceauşescu überhaupt hat erscheinen können. Die Erklärung ist schlicht und schon bei Karl Kraus vorformuliert: Der Zensor hat es nicht verstanden, denn hätte er das, dann hätte er es, wie K. K. giftete, „zu Recht verboten“. Und verstanden hat er es deshalb nicht, weil es gut geschrieben ist.
Angesichts des geringen Volumens von Gabriela Adameşteanus literarischem Schaffen (neben zwei Romanen noch einige kurze Prosa und natürlich Feuilletonistik) wäre man geneigt, sich über die fast routinierte, jedenfalls virtuose Gestaltung der Romanstruktur bis in die einzelnen Verästelungen zu wundern, wüßte man nicht von Anbeginn, daß hier eine Romancière am Werk ist, die sich in erster Linie eines auferlegt hat: Anspruch an sich selbst und permanente Skrupel, diesem nicht zu genügen. Der Anspruch ist denkbar hoch: Geleistet werden soll nichts minderes als eine bukaresterisch-rumänische „Kosmogonie“. Daß das möglich ist, beweist dieser Roman.
Dreh- und Angelpunkte in diesem schrägen, krummen balkanesischen Weltall, das wunderbarerweise funktioniert, sind Gegensatzpaare wie Egoismus und Permissivität, grobe Grundehrlichkeit und tröstliche Heuchelei, Feindseligkeit und Einsicht, daß auch der andere nur ein armes Schwein ist, hierarchisch-elitärer Dünkel und die Schlauheit, mit der er unterwandert wird. Das Paradoxon ist der allgegenwärtige Algorithmus, mit dem all die vielen Gleichungen mit all den vielen Unbekannten gelöst werden können.
Im Mittelpunkt steht eine alte Frau, Madam Delcă. Sie ist Bukarester Vorstadtgeblüts aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und hat ehemals einen Krämerladen betrieben, in dessen heruntergekommenem Gemäuer sie und ihr Mann ein kümmerliches Dasein fristen. Jetzt ist sie gezwungen, sich durch eine von den Kommunisten heruntergewirtschaftete Gesellschaft zu schnorren. Der scharfe Blick der Geschäftsfrau durchdringt, ohne von irgendwelchen Ideologien oder Illusionen getrübt zu sein, menschliche Masken und komplizierte, verdeckte zwischenmenschliche Beziehungen nicht nur im angestammten Milieu, sondern auch in der Bukarester Hautevolee, die sie sich als Zugehfrau erschlossen hat und von deren Vertrauen sie immer noch zehrt.
Von dieser noblen Gesellschaft haben Krieg und Kommunismus nur noch kümmerliche Reste übriggelassen, die Lebenskraft ist ihr entzogen worden, ihre Hoffnungsträger sind nach Westeuropa abgewandert, doch gerade an den zweifelhaften Überbleibseln läßt sich ermessen, welche schicksalhafte Trägheit der rumänischen Gesellschaft seit jeher eignet und wie fatal diese sich in bewegten Zeiten wie denen des 20. Jahrhunderts auswirkt.
Gestaltet werden diese komplexen Zusammenhänge unter grundsätzlichem, vollständigem Verzicht auf jeden auktorialen Kommentar, auf jedwelche Erläuterung „ex catedra“. Die „Kommentargewalt“, also Deutungshoheit hat vielmehr just die vermeintlich unbedarfteste Gestalt inne, eben diese Madam Delcă, deren innerer Monolog und direkte Rede einen Gutteil des Buches ausmachen.
Ihre begrifflich prekäre, ins Rotwelsch changierende Ausdrucksweise ist der Komplexität nur scheinbar nicht gewachsen. Der eigendynamische Slang erscheint vielmehr als einzig angemessene epische Form, in die ein dermaßen fremdbestimmtes, unter- und zerdrücktes, strukturloses, zähes, mahlendes und oftmals zermalmendes Einzel- und Volksgeschick gebracht werden kann. Die Ahnungslosigkeit formuliert intuitiv richtig, dabei scheint aber immer durch, daß es „das Richtige“ gar nicht gibt. Dramatik findet nicht in der Form von Konfliktsteigerungen, Zuspitzungen und Katastrophen statt, sondern als schleichendes Elend. Dem entspricht der eiernd kreisende – zumeist innere – Monolog der Haupt- und der anderen Gestalten, der immer darauf angelegt ist, die Dinge ja nicht auf den Punkt zu bringen, sondern darüber hinweg-, sie hinwegzuräsonnieren. So regeneriert sich Ratlosigkeit aus sich selbst und geriert sich dabei ständig als Weltweisheit – die sie ja schließlich auch ist.
Was so aufscheint, das ist Rumänien, der Balkan, wie er leibt und lebt – oder eben nicht eigentlich lebt: Umfassendes Elend, Ärmlichkeit und Armut auch im Geiste hie – lebenswerte Substanz in zwar sentimentaler, kitschiger, aber oft erstaunlich vitaler Form da, und über allem der kümmerliche Triumph, daß man überlebt.












