Es regnete. Die Dame hatte mich an der Kreuzung Gheorghi Dimitrov angesprochen. Sie hatte mich nach der Haltestelle der Straßenbahn 17 in Richtung Lindensee gefragt. Als sie den riesigen roten Regenschirm zur Seite schwenkte, sah ich sie. Die blonde Frau Doktor Alfandari! An einem Sommernachmittag vor einem Jahrtausend war die Diva aus den Hollywood-Studios hierher in unserer kleinen, kärglichen, engen und düsteren Küche aufgetaucht, in der Bukowina der 50er Jahre. Ich selbst war damals auch ein Star. Mit roter Krawatte und rotem Pioniersabzeichen begeisterte ich die Mengen mit meinen roten Gedichtvorträgen und Deklamationen. Einschließlich der aus Hollywood eingetroffenen Dame, die in ein paar Jahren in die Hauptstadt, ihr Hollywood, zurückkehren würde.
Ich hatte weder die Stimme, noch die Worte der Schauspielerin vergessen: „Ich will die Mutter dieses Jungen kennen lernen“. Erstaunt und eingeschüchtert wischte sich meine Mutter die Hände an ihrer Wachstuchschürze ab.
Jetzt waren sich die einstigen Stars in der Haltestelle der Straßenbahn Nummer 17, Richtung Lindensee, begegnet. Prompt hatte ich die kostbare Information bestätigt: ja, die Haltestelle der Straßenbahn 17, zum Lindensee.
Ich sah sie an: Frau Alf, die Mutter meiner Liebespartnerin aus den ersten Jahren meines Bukarester Studiums, in einer jüngeren, anmutigeren Version.
Als Parma-Mantel mochte man ihre exquisite Pelerine aus sandfarbenem Mohair bezeichnen, sie umhüllte sie zärtlich. Schön, ja, die Unbekannte hatte etwas von der exotischen Schönheit eines Filmstars. Sie lächelte mit einer Art provokativer Komplizenschaft. Sonderbare Kombination aus Simone Signoret und Marilyn Monroe. Ich war wie versteinert, konnte meine Beine nicht bewegen, so als hätte ich auch auf die Straßenbahn 17 gewartet.
Es regnete, es regnete nicht, es schien nicht mehr zu regnen. Der Regenschirm der Dame war nun zusammengeklappt, anmutig spielte sie damit zwischen den Fingern. Sie schüttelte auf jugendliche Weise ihren goldenen Haarschopf und blickte mich wieder an. Und wieder lächelte sie mich an. Im nächsten Augenblick hatte sie meinen Arm umfasst. Sie war ein wenig größer als ich und wir verließen die Haltestelle. Wir sprachen über den Film, der gerade im Dokumentarfilmkino auf dem Marx-Engels-Boulevard gezeigt wurde, auf das wir mangels eines Reiseziels zusteuerten.
Das wahre Gesicht des Faschismus war der sowjetische Dokumentarfilm betitelt, den wir, wie sich herausstellte, beide vor einer Woche gesehen hatten. Eigenartig, ausgerechnet dieser Film…kein sehr unterhaltsames Thema für ein erstes Gespräch. Die Dame schien von der Besichtigung des Streifens genauso aufgewühlt wie ich. Sie war bereit, sich ihn noch einmal anzusehen. Ja, die subversiven Anspielungen auf die unmittelbare Realität waren es Wert, noch einmal angesehen zu werden, tatsächlich, es gab so viele Szenen, die man kommentieren könnte.
- Du bist Jude, nicht wahr? hörte man die Stimme der Schauspielerin.
Ich mochte die Frage nicht, zog die Komplizenschaft der Filmbegeisterten vor. Warum sollte ich Jude sein? Ich hatte weder die Nase, noch den Akzent…nur, weil ich mich auf die Faschismus-Diskussion eingelassen hatte? Dabei ging es im Film nicht einmal ausschließlich um Faschismus! Waren denn niemandem in diesem Land Faschismus und Kommunismus wichtig, nicht einmal in so ungnädigen Zeiten? Interessierte niemanden, niemanden außer mir die schöne Unbekannte, die mich angesprochen hatte?! Waren unsere Mitbürger vielleicht allesamt hedonistisch und sternträumerisch geblieben, dem Witz und dem Wein und dem Lied und den kleinen täglichen Erledigungen verschrieben?
Jude? Was hab ich mit den Juden zu tun? Kaum, dass ich mit mir selbst etwas zu tun habe…Zufrieden, wenn mir erlaubt wird, in einer Ecke in Ruhe vor mich hin zu atmen, mehr nicht. Ich hatte dies in einem Atemzug vorgetragen, das Zitat hatte ich intus.
Die Dame sah mich lange an, sie ahnte nicht, dass es nicht meine Worte waren, der Name Kafka hätte ihnen mehr Gewicht gegeben. Ich war mir sicher, dass sie dem Gespräch nur die Rolle zuerkannte, die ihm auch zustand.
- Philosoph oder Kaufmann?
Sie hatte also die Antwort gar nicht wahrgenommen, sie führte unbeirrt die leichtherzige Konversation fort.
- Das sind doch die beiden Kategorien, nicht wahr? Mein Mann ist Kaufmann. Du scheinst der anderen Kategorie anzugehören.
Beides Berufe der Freiheit, hätte ich fast ausgerufen, sie sind dem wahren Gesicht des Sozialismus fremd! Aber man konnte sich nicht so unüberlegt einer Unbekannten ausliefern.
Ja, ich gehörte der ungünstigen Kategorie an, das konnte ich nicht leugnen. Ich war stehen geblieben und sah sie auch lange an. Sie lächelte, streckte mir ihre Hand entgegen.
- Alice Aslan.
Der Name klang armenisch…Ja, die Armenier sind gute Kaufmänner, aber ich verstand nicht, was das mit mir zu tun hatte. Der Vorname Alice gab nichts preis. Die blonden Haare, die großen, feuchtgrünen Augen, das Hollywood-Image? Das kosmopolitische Klischee der Schönheit von überall.
Die nächsten Stunden unseres Spaziergangs führten uns durch die vom Regen gespülten Gassen hin zur Călăraşi-Straße, in die Nähe der Sihleanu-Straße, wo ich bei Doktor Jacobi ein Zimmer gemietet hatte, dann um den Freiheitspark herum. Ich brachte biographische Fragmente in Erfahrung. Sie lebte allein. Ihr Mann war illegal über die Grenze geflüchtet, er hatte sich irgendwo im Ausland gut etabliert. Sie hoffte, auch dorthin zu gelangen, so bald wie möglich. Bis dahin war sie eine verdächtige und provisorische Person. Ihre Existenz verdiente sie bescheiden, aber respektabel: sie war Kassiererin im Geschäft DIE ÄHRE, auf dem Boulevard Bălcescu.
Ich kannte das Geschäft, DIE ÄHRE befand sich in der Nähe der Bibliothek des Rumänisch-Sowjetischen Freundschaftsvereins, die ich täglich frequentierte. Es gab dort vorzügliche Käse- und Fleischpasteten!...Die Kunden ahnten nicht, dass bald sowohl die Bibliothek als auch die Pasteten verschwinden würden.
Nein, ich hatte diese wunderschöne Vertreterin der ehemaligen „ausbeutenden Klassen“ an der Kasse des Geschäfts noch nie erblickt. Wie andere exotische Parias auch, sprach die Dame zwanglos über die elende Art, wie sie ihr tägliches Brot verdiente!
Es dämmerte, wir suchten in irgendwelchen Mauerwinkeln oder hinter den Büschen im Park Zuflucht. Lange Küsse, abgeschirmt von der Dunkelheit.
Rachele, raunte ich ihr zu, trunken in ihrer Umarmung. Rachele…so nannte ich die Lippen und die Brüste und das Lachen der Anonymen. Sie hatte lachend gegen den fremden Namen protestiert, wie gegen eine Extravaganz des Studenten, über die man hinwegsehen konnte. Rachele, Rachele, die Französin, die Afrikanerin, die Jüdin, die Rothaarige…Nein, sie war nicht Französin, Afrikanerin oder Jüdin. Sie war Rumänin, ja, und hatte nie von einer Frau Doktor Alfandari, meiner hypothetischen inzestuösen Schwiegermutter, gehört. Auch nicht von der rothaarigen Rachele, der Geliebten des Doktors Thibault im Roman von Roger Martin du Gard, die auf einmal vor mir Gestalt angenommen hatte.
Die Mischung literarischer und erotischer Träumereien hatte nicht mit der Pubertät aufgehört. Die Bukarester Bibliotheken hatten diese Trunkenheit noch gesteigert. Die langen, einsamen Wanderschaften, auf denen ich irgendeine Unbekannte verfolgte, endeten immer mit demselben stupiden Scheitern, das jeder Dramatik entbehrte. Ela Alfandari, die Tochter der Frau Doktor, die ebenfalls zum Studium nach Bukarest gekommen war, hatte in den ersten Jahren meines Studentendaseins meinen amourösen Masturbationen gedient. Eilige, bis hin zur Bewusstlosigkeit in die Länge gezogene paroxystische Vorspiele auf dem engen Bett in der Stube des Fräuleins, deren Unterbrechung, wenn die Männlichkeit des Junggesellen nicht mehr gezügelt werden konnte. Das Raubtier zog sich zurück, beklommen, erschöpft. Die Freiheit der Anonymität – davon hatte der Gymnasiast aus der Provinz geträumt, als er nach Bukarest kam. Breite Straßen, feuchte Fahrbahnen, die magnetische Anziehungskraft des Kometenschweifs, die einen blitzschnell mit sich fortriss. Lange, vergebliche Wanderschaften auf den Spuren der Unbekannten, die das Theater oder das Kino oder die Bibliothek oder den Frisiersalon verlassen hatte. Scheue, schweigsame Jagdpartien. Der Verfolger wartete erschaudernd auf ein noch so diskretes Zeichen, dass er seinerseits gejagt wurde. Die Erbitterung der Beschnüffelungen kartographierte die Stadt im lyrischen Gepränge der aufgereizten Jahreszeiten. Das Antlitz des Augenblicks: die Blässe der Arbeiterin, die sich entkleidet und plötzlich wieder angekleidet hatte, würdig, empört, gepanzert; das Handtuch, mit dem die Frau des Majors sich sorgfältig das Geschlecht abwischte, in der Silvesternacht, als der Soldat in weiter Ferne seine Pflicht erfüllte; die Falten des Pelzmantels über den Schultern der Tangosängerin, die den Einzelgänger, der auf das Zeichen der Einwilligung gewartet hatte, hinter sich schleifte; die großen, hervorstehenden Zähne der Buchhalterin ohne Brüste, die dem hysterischen Begrabschen krankhaft verfallen war.
Einst an einem Freitagnachmittag auf der Frumoasei-Straße Nr. 20, der Adresse, die sich Studenten flüsternd weitergaben.
Man betrat einen Hof, die Tür führte zum Hintereingang. Vor der Stiege saß ein kleiner, bärtiger Greis, ärmlich, aber dezent gekleidet auf einem Hocker. Er kassierte die Gebühr, 25 Lei, gab das Zeichen zum Eintritt. Ein Kämmerchen im ersten Stock. Ein langes Bett, eine geblümte Bettdecke. Auf dem Stuhl die Schüssel mit Wasser. Im Bett, lächelnd, die Dienstmagd Rabelais’. Das breite Gesicht, die großen, schwarzen Augen. Ein geteerter, zerzauster Haarschopf. Grienendes, routinemäßiges Lächeln. Derjenige, der die Adresse weitergab, lieferte auch minimale Vorinformationen: Ihre Hochhurigkeit war die Ehefrau eines militärischen Motorrad-Rennfahrers, dessen Einkünfte sie heimlich aufbesserte.
Die Frau gibt ein Zeichen, der Kunde legt ab: den Mantel, den Pullover, die Schuhe, das Hemd, die Hose. Die Frau zieht das Nachthemd über den Kopf hoch: sie ist nackt.
Sie war aus dem Bett gestiegen und kam barfuß näher. Große Füße, große, dick lackierte rote Nägel. Sie spreizt die Beine. Der Student forscht reglos die großen, hässlichen Nägel, die großen, hässlichen Füße aus. Die Frau steigt wieder ins Bett, der Kunde steigt auf die große, hässliche Frau, auf die verschwitzten, weichen Brüste. Die große, klebrige Hand zwischen den Beinen des Kunden, mütterliche Worte, Finger, die versuchen, ihn aufzuwecken. Einen Augenblick lang erwacht, nach einem Augenblick alt, niedergesunken.
Rachele versprach etwas anderes. Weit weg von ihrem Besitzer, dem Kaufmann, umhüllt in ihre königliche Parma-Pelerine, würde sie endlich die Last der entstellten Jahre verbrennen. Die Unbekannte, die sich tagsüber hinter der Maske der Kassiererin im Geschäft DIE ÄHRE versteckte, würde sich endlich der Nächte des von philosophischen Irrwegen verführten Studenten bemächtigen.
Endlich hatten wir uns gefunden! Eng umschlungen unter dem großen Parma-Zelt ihres Loden- oder Mohair- oder Merino-Mantels, oder wer weiß welchen verzauberten Hüllen. Bald erfüllen wir unser Schicksal! Die Dame mit rotem Regenschirm schien genauso ungeduldig zu sein wie der Neophyt.
Wir waren vor dem Haus angekommen. Sie hatte mich nicht eingeladen, mit reinzukommen, sie erlaubte mir nicht mehr, sie zu küssen, scheinbar traf sie Vorsichtsmaßnahmen wegen der Nachbarn. Sie zündete sich eine Zigarette an, bot mir auch eine der berühmten Kents an – es war die verbotene Tauschwährung sozialer Gefälligkeiten. Wir wollten uns in ein paar Tagen, am Samstagabend, wiedersehen. Sie lud mich am Samstagabend zu sich ein!
Nichts Diabolisches würde mehr passieren: die Unbekannte würde nicht verschwinden, würde es sich nicht im letzten Augenblick anders überlegen. Wir werden einen Zufluchtsort haben, ein Bett, einen dunklen Korridor, jeden für einen Brand geeigneten Ort. Diesmal war das einzige Problem, dass jeder von uns bis Samstagabend überleben musste. Samstag, halb acht, das Schlafgemach Hollywood!
Die Lehrjahre der sexuellen Reifung waren für den Provinzler der sozialistischen Ära nicht die gedeihlichsten gewesen. Die frühreife, von der Lektüre beschleunigte Pubertät, war auf die Diversion der Revolution gestoßen. Die Frivolität des Applauses für den kleinen Schmierkomödianten aus der Provinz? Süß drängten sich die Jungfrauen um die Berühmtheit und boten im Dunkeln die mürben Lippen und den mürben Hals und Teile ihrer kleinen mürben Brust an. Mehr nicht, mehr nicht, sonst schlägt mich die Mutter…Die Dunkelheit des Kinosaals hieß Brînduşa oder Pusy oder Silvia, oder, vor allem, Ica, die am wenigsten reizende, aber bizarre und melancholische. Finsternis, Geflüster, das Herumwühlen in Unterwäsche und Epidermis, an Ellenbogen und Achselhöhle und an den Schultern und weiter unten, weiter unten, Schwindelgefühl, unten, weiter unten, Schmerz und Phallus und Eiter. Die Literatin Ica ward in der Trance zur Leidenschaft verklärt. Die lyrische Botschaft aufnehmend, hatte Mater Dolorosa die Gefahr in der Auslegung des Ghettos übersetzt: „In ein paar Jahren wird uns dieser Junge umbringen“.
Die Tochter des Doktors Alf würde den Trunkenen in weitere Partien des Rausches einführen. Die Laszivität unbeendeter Vorspiele. Dann die klassische Gastfreundschaft der Hausdienerin…Zwischen den Soldaten, die nachts bei ihr einkehrten, beherbergte Lucreţia wohlwollend die Ejakulation des jungen Herren…Ihr junger Körper roch nicht nach Jasmin, auch nicht nach gebratenen Zwiebeln, er war nur mit dem Duft der Vermengung von Frau und Soldat durchtränkt.
Der junge Herr mit seinem Hang zur Philosophie und nicht zum Kaufmännischen zögerte, das beschämende Jucken in seiner Hose schlicht und einfach mit Hilfe eines Arztes abzuwenden. Es gab keine privaten Arztpraxen mehr, keinen mehr, dem man über skandalöse Geheimnisse erzählen konnte. Er hatte sich damit abgefunden, angsterfüllt mit den Viren der Verdammung zusammenzuleben. In den Zeitungen und im Radio und in den Büchern und Sitzungen und bei den großen Volksversammlungen war niemals von solch heimlichen bürgerlichen Bangigkeiten die Rede. „Je verfallener die Sitten, desto strenger die Meinung…“ Die immer weniger revolutionäre Realität bestätigte die Worte des Revolutionärs Saint-Just, der den Sozialismus nicht erlebt hatte.
Die Heilung kam schließlich dennoch, und Rachele du Gard würde dem Patienten am Samstagabend das Vertrauen in die Jugend wiedergeben.
Die Tage verflossen schnell und nicht allzu schnell, im ausgeweiteten Bauch ein und desselben schwangeren, trunkenen Tages. Zwei Schicksalsstationen bis zum heiligen Ruhetag, bestimmt durch den Unsichtbaren, der sich ebenfalls am Samstag ausruhte.
Sonniger Nachmittag. Sanfte Dämmerung, große Luftvögel die am Himmel erstarrt waren. Die kleinen, langsamen Schritte, die der Jähzornige verübte, die Alleen des Freiheitsparks immer wieder entlanggehend, schienen den Fußgängern nicht aufzufallen. Die Sekunden verstrichen ohne Eile, die Pensionisten musterten unbeirrbar, auf den Bänken sitzend, die gut gespielte Apathie des Schüchternen.
Die Nifon-Straße war an ihrem Platz, die Häuser aneinandergereiht wie vor zwei oder zwanzig oder dreißig Tagen. Die Nummer 28 war dieselbe. Nichts hatte sich verändert, alles war an seinem Platz, die augenblickliche Ewigkeit des Ortes und der zeitlosen Zeit. Zwei steinerne Stufen führten zum Eingang in das prismenförmige, einstöckige Haus. Zwei identische Türklingeln, eine unter der anderen, an der Tür aus massiver, schwarzer Eiche. Der Name auf der oberen Türklingel war derselbe. Der Zeigefinger hatte bereits den Knopf Alice Aslan gedrückt. Die Uhr an der Straßenecke zeigte sieben sechsunddreißig. Sie öffnete sofort. Schön, wenn auch nicht so jung wie am Abend der ersten Begegnung. Es war alles vorbereitet, nichts durfte überstürzt werden. Man durfte nicht zu schnell beginnen, nicht zu schnell aufhören – das besagten die Worte und widersprachen den mit kindlicher Dringlichkeit entfesselten Umarmungen. Versuche eines Gesprächs gab es dennoch. Streifzüge durch die Banalität, die die Annäherung und das Begehren simulieren sollten? Frivole, zufällige Phrasen, über ihren behandelnden Arzt, einen Greis, der sich nicht zurückhalten konnte, seine Hand oder seine Anspielungen ungebührlich ausrutschen zu lassen.
Guter Wein, teuere Gläser, das Klirren einer in Verstecke zurückgezogenen Welt…Die Schlafgemächer der Burg stöhnten unter dem Zittern der Begattungen, dem Geflüster und den Seufzern, dem Ächzen und dem Stöhnen, den Verwünschungen aller Klassen und Völker und Lebensalter. Der Privatraum war zum einzigen Vermögen geworden, wir zogen uns mit uns und in uns zurück, nun, jetzt bist du dran, du bist nicht mehr umgeben von Denunzianten und Lügen und Misere, schnell, schnell, bevor die Geheimdienstler das Haus stürmen.
Niemand stürmte die bequeme Garconniere der Alice Aslan. Hier gab es weder den Grund, noch die Ausrede für die Opferrolle. Wir waren nackt und frei, im weiten, sauberen Bett. Die Kurtisane tat ihre Pflicht, beeilte sich nicht, sie hatte nicht zu schnell angefangen und hatte nicht vor, aufzuhören, nur der Gast war von übermäßiger Ungeduld zu übermäßiger Passivität übergegangen und ließ sich übermäßig vom Feuereifer der Partnerin bedienen. Die Tricks verkünstelten die Kinetik der Körper, oder war es eher so, dass die Künstlichkeit den Eifer stimulierte? Die Gedanken wanderten ziellos umher, der Körper war gefallen, das Doppelspiel vermochte es nicht, das Pneuma zu potenzieren.
Schließlich ließ sich das Objekt des Begehrens einfach definieren – soviel wusste auch der Denker. Konkrete,obsessive Begriffe, bäuerlich und präzise, Begriffe, die man für die Stute und die Sau und die Hündin und die Antilope verwendet. Ja, das Organ, der einfache Begriff, der wie ein Befehl klang, musste die romantischen Verse und Träume ersetzen, so dachte der Philosoph, während er die Bemühungen des Mundes und der Finger verfolgte, welche Rachel auf dem Gesicht, auf den feuchten, mit den Schleimen und Sekreten des Begehrens belegten Lippen, auf der Zunge entlanglaufen ließ. Der Dilettant konzentrierte sich auf die Reflexe der Kurtisane, auf Lippen, Hand, Brüste. Die elementare Quelle des Kosmischen, schwang der Student in Gedanken seine großen Reden. Er war besessen von der Nahrung, von der er sich wünschte, sie würde ihn niemals sättigen, ein Substitut für etwas Umfassenderes, wie Rachel versuchte, ihm zu beweisen. Die Schwerelosigkeit, ja, sie war auch in der erotischen Epik und Psychologie kein vernachlässigbares Wort. Mal geht es, mal kaum, manchmal gar nicht, auch wenn die Herausforderungen dieselben zu sein scheinen…und die Philosophie heilt die Verwirrungen nicht. Und die Zigarette auch nicht, obwohl Alice viel rauchte und ich schließlich auch mehr rauchte, als ich ertragen konnte. Ich war bei Tagesanbruch aufgebrochen, jedes Begehren war verflossen. Mein Spleen belastete mich, die Zigarette, die mir Alice zwischen die Lippen geschoben hatte, qualmte. Unzulänglich, ausgelaugt und abgekämpft, niedergerungen von den Hinauszögerungen und den Bemühungen der Schönen. Unersättlich und freizügig war sie in der allzu langen Nacht zurückgeblieben, eine Schöne in der Welt der Wunder, die sie verteilte.
Die Partnerin hatte es sich nicht in letzter Minute anders überlegt, hatte sich auch nicht plötzlich im Nichts aufgelöst, sie war auch nicht hässlich, im Gegenteil. Dennoch hatte irgendetwas den Mechanismus des Begehrens gestört. Die Energie der Nacht hatte sich verdünnt, ihr Gefangener war in einer allzu luziden Erstarrung untergegangen. Die perfekte sexuelle Kameradschaft, die extreme Konzentration und die extreme Loslösung, die Extase der Vereinigung verlangen, wie er bald lernen sollte, eine längere Intimitätsübung als die erste Begegnung sie erlaubt.
Als ich am fleischfarbenen Morgen das Schlafgemach der Frau Aslan verließ, erinnerte ich mich an die ersten Jahreszeiten des Bukarester Debüts. Die faszinierende Stadt hatte sich dem Fremden geöffnet. Ich konnte nicht genug davon kriegen, ihre Straßen und Parks zu durchwandern, ich vagabundierte durch ihre Restaurants, es erfassten mich die Geheimnisse der Häuser in den dunklen Morgenstunden. Mir schien, als lauerte die Überraschung in jedem sekundenschnellen Blinken. Aneinander gereiht verfolgten mich die Angst und die Gefahr, Schritt für Schritt. Die Verzweiflung, der Wunsch nach Befreiung. Die eilige, pfeffrige Erotik der Panik, der Geruch der Paarungen. Das Gefrießchen irgendeiner verirrten Angestellten, die zu später Nachtsstunde allein in der Straßenbahn eingeschlummert war. Die Straßenbahn wurde gerade eingezogen, ins Depot, und erst dort hätte sich in einem Winkel voller Schachteln und Werkzeug, oder gar in der verlassenen Straßenbahn, die eilige Verkettung ereignen können. Die Eingeschlafene war gar nicht eingeschlafen, der Passagier war auf der Lauer, der Straßenbahnführer verfolgte ihn im Rückspiegel. Alles, was geschah oder geschehen würde oder dessen Geschehen verzögert wurde hatte Ähnlichkeit mit dem Irrsinn jenes Märznachmittags im dritten Studiensemester, in einer Seminarstunde, als ich zufällig neben der zierlichen Sanda Ionescu, der verdrehten Tochter verarmter Aristokraten, saß. Auf einmal betatschten wir uns unter dem Tisch, meine Hand tief unter ihrem Rock, zwischen seidigen, feuchten, immer feuchteren Oberschenkeln, ihre Hand in meiner immer feuchteren Hose, der Professor führte seinen Beweis an der Tafel fort, wir schwitzten und schrieben mit der freien Hand weiterhin mit. Die von natürlichen Katastrophen – Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen, Diktaturen – gesteigerte Sexualität. Verzweifelt und potenziert, direkt unter der Nase der tyrannischen Aufseher? Sollte mich die Sicherheit, die von der gemütlichen Garconniere der Frau Rachele du Gard ausging, neutralisiert haben?
Ich suchte sie in der nächsten Woche nicht mehr auf. Alice rief mich nach etwa zehn Tagen an. Meine Antworten waren unpassend, lustlos.
Als mich einige Monate später die Reue, der Wunsch, den Fehler wieder gut zu machen, überwältigte, war es zu spät. Sie antwortete nicht mehr auf solch dämliche Aufrufe, sie arbeitete nicht mehr im Geschäft DIE ÄHRE, wo ich immer wieder versucht hatte, ihr aufzuspüren.
In Panik geraten, fing ich in der nächsten Woche, in den nächsten Monaten an, überall und nirgendwo zu suchen. Im nächsten Jahr ebenso. Und danach, überall, nirgendwo, im adresslosen Unbekannten.
In Belgrad im Jahr ’83, im Café Fanar, betrachtete sie verloren den Kreis der silbernen Kaffeetasse. Als sie plötzlich den roten Flammenschopf erhob, blickte sie mich an, als sei ich der erwartete Kunde. Es war der letzte Tag der Konferenz, an der ich teilgenommen hatte. Die Bukarester Kollegen hatten mich von Anfang an ausgeschlossen, aus Gründen der Tradition oder vielleicht weil sie ungeduldig waren, massive Einkäufe zu erledigen, Möbel, Fernseher, Kühlschränke, für die sie stabile Beziehungen aktiviert hatten. Ich streifte an den Nachmittagen durch eine hässliche Stadt, die im Vergleich zur Dunkelheit und den Phantomen, die das Bukarester „Klein-Paris“ terrorisierten, eine helle, frenetische, elektrisierte Oase der Gelüste und Trunkenheiten zu sein schien. Ich kehrte früh ins Hotel zurück, sah mir im Fernsehen alles an, was ich in Bukarest nicht hätte ansehen können. Am Abend vor der Abreise war ich bis spät auf der Straße geblieben und kehrte um Mitternacht im Fanar ein. Alice hatte sich die Haare rot gefärbt, sie sah jetzt der Jüdin Rachele ähnlich, wie sie im Roman von Martin du Gard aus Afrika zurückkehrte. Ich setzte mich ihr gegenüber, sie lächelte mich an, ohne mich zu erkennen. Die rumänische Sprache hatte sie vergessen, sie erinnerte sich nur mehr an einzelne Wörter, ich konnte kein Serbisch, wir verständigten uns durch kurze russische Appelle, und wir hätten uns auch ohne Worte verstanden, bevor wir gemeinsam das Café verließen.
Ich sah sie nach einigen Jahren wieder, in einem Bus in Westberlin. Sie sah verjüngt aus. Ich stieg aufgeregt aus und folgte der Silhouette in Richtung des Checkpoint Charlie, der Grenze zum Osten. Keuchend holte ich sie ein, fragte sie, wie ich zum Einstein-Café komme. Überrascht schüttelte sie mit einer nervösen Geste ihre fragilen, schmalen Schultern, der Schal entwand sich wie eine orangenfarbene Schlange, sie lächelte gut aufgelegt, begleitete mich ein paar Schritte, dann ein paar mehr, dann nahm sie meinen Arm, wie in alten Zeiten.
Im Centre Pompidou in Paris bereitete sie mir die wirkliche Überraschung. Groß und aufrecht stand sie im Hof, in dem drei Akrobaten- und Clownmannschaften um die Gunst des Publikums wetteiferten. Ein wunderschöner Herbstnachmittag, zart und wolkenlos. Sie blickte hinauf, in Richtung der Rolltreppe, die mich hinunterbrachte. Unten angekommen, ging ich direkt auf die zierliche, statuenhafte Blondine zu, die sich an die Wand gelehnt hatte und wartete. Ich fragte sie, wie ihr die Ausstellung gefallen hatte. Sie schien verwundert, vielleicht hatte sie die Ausstellung nicht gesehen, obwohl der Künstler ein Landsmann war und die Ausstellung sie interessieren musste. Hatte die Verwirrung vielleicht andere Gründe? Sie konnte gar kein Rumänisch mehr. Ich wiederholte die Frage auf Französisch. Erfolglos. Ich versuchte mit den paar englischen Worten durchzukommen, die ich kannte, sie antwortete sofort, fröhlich lächelnd, schlug vor, dass wir in die Bar LE MASQUE einen Kaffe oder einen Cognac trinken gingen und zeigte in Richtung der nächsten Straße. Ich entschied mich für Kaffee, starke Drinks nahm ich nur abends zu mir, außerdem hatte ich kein Geld für eine solche Bestellung. Sie verstand, sie wusste, dass die Glücklichen aus dem Osten, die sich eines Reisepasses erfreuten, kein Geld hatten und beeilte sich, klarzustellen, dass ich eingeladen war. Wir schwiegen beide eine Weile, sie glaubte, mir die Erklärung schuldig zu sein, dass sie jetzt in Amsterdam wohne und als Assistentin und Sekretärin eines bekannten Arztes arbeitete.
- Aha, der alte Arzt. Der Greis…
- Wie bitte, was meinen Sie?
Sie sah mich bestürzt an, hatte die Stirn gerunzelt, ich sah die Falte zwischen ihren Augenbrauen wieder. Sie erschien immer, wenn Alice ihre Stirn runzelte. Die blauen Augen, die glatte, bleiche Wange, die großen, dünnen Hände… ja, die große, schlanke Niederländerin hatte die Stimme von Alice, jetzt war sie aber wegen des Tabaks deutlich heiserer geworden.
- Es ist nichts, nur ein dummer Spruch, versuchte ich es auf Deutsch. Sie verstand Deutsch, das machte den Dialog einfacher, auch wenn die Sprache der Eroberer ihr keine Freude zu bereiten schien.
- Ich vermute, dass der Arzt der Assistentin den Hof macht.
- Es ist mir nicht aufgefallen. Es ist ein herzliches, aber streng berufliches Verhältnis.
- Achso, der Ehemann…ich verstehe.
- Ich bin nicht verheiratet. Das heißt, ich war es. Mit einem Asiaten.
- Einem Asiaten! Ja, sicher…ich hatte es vergessen. Einem Asiaten, einem richtigen Asiaten?
- Ich hoffe, du bist kein Rassist, wie die Osteuropäer.
- Nein, gar nicht, nur neugierig. Armenier?
- Indonesier. Ein ehemaliger Karate-Meister. Jetzt ist er Trainer. Wir sind seit drei Jahren getrennt, aber wir sehen uns ab und zu.
Abends fuhren wir mit der Metro, stiegen dreimal um und irrten lange umher bis wir das Wohnhaus auf der Rue de la Folie Mericourt fanden.
Wunderschöne Wohnung, wie in den Modenzeitschriften. Die Freundin der Niederländerin, die, wie an der Dekoration der Innenräume ersichtlich, Innendesignerin war, befand sich gerade auf Urlaub, wir waren allein. Ich hatte eine der Stoychnaya-Wodkaflaschen mitgebracht, mit der ich in Bukarest meinen Koffer vollgepackt hatte, damit ich etwas zum Verkaufen und Verschenken hatte.
Sie hatte nichts zum Essen vorbereitet, da sie angenommen hatte, dass wir ausgehen würden. Wir blieben im großen farbigen Kristallkubus, Kirsten saß auf der schwarzen Couch, der Osteuropäer ihr gegenüber auf der roten. Wir tranken und redeten.
- Beeil dich nicht. Morgen, morgen tun wir alles.
Ich wollte keinen Aufschub, ich hatte keine Zeit für Aufschub. Kirsten verabscheute die Eile, sagte sie, sie fühlte sich von der Eile angeekelt wie von einer Invasion des Schmutzes. In Amsterdam lebte sie mit einem jüngeren Mann, der ihr dafür dankbar war, dass sie ihm beigebracht hatte, den Akt der Liebe langsam, methodisch, ohne Eile zu begehen.
- Eile mit Weile.
Ich zuckte zusammen, als ich das Sprichwort erkannte.
- Ja, ich habe es ihm beigebracht, er wurde ein Experte auf dem Gebiet des ruhigen und allmählich gesteigerten Fickens.
Erneut zuckte ich zusammen, die Begriffe waren ähnlich und die Sekretärin aus Amsterdam musterte mich aufmerksam, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten. Dann warf sie spöttisch ihren Rock ab, gelangweilt von der Formalität, die sie vollzog. Nackt auf der Gummimatratze, auf dem Parkett. Nichts funktionierte richtig. Ohne das ruhige, allmählich gesteigerte Ficken funktionierte es nicht.
- Hast du eine Schwester?
Sie war aufgestanden, lang und weiß saß sie auf der Couch, ein Bein über die Stuhllehne gehängt, damit ihr Geschlecht sichtbar war.
- Eine Schwester? Ich? Nein, ich habe keine Schwester.
- Aha…dann, eine Mutter. Sollte es deine Mutter gewesen sein?
- Meine Mutter? Was meinst du?
- Ja, deine Mutter…die Beziehung.
- Die Beziehung zu meiner Mutter? Die ist gut. Innig. Kompliziert. Die Beziehung zu meiner Mutter ist kompliziert.
- Aha…Inzest? …
Nur ein rumänisches Schimpfwort hätte diesem Geschwätz ein Ende setzen können. Kirsten lächelte nicht mehr, sie wurde äußerst ernst, fixierte mich mit dem Blick, besessen vom dunklen Nukleus des Fremden. Das Scheitern schien sie nicht missmutig gestimmt zu haben, sie war aber nicht bereit, es der Eile und dem Fehlen einer allmählichen Steigerung zuzuschreiben, Eile und allmähliche Steigerung gehören zu den streng gehüteten Geheimnissen.
- Ist dein Arzt, der Greis, Psychiater?
Die Frage schockierte sie nicht, das Lächeln war hinterlistig und schief geworden, das Gesicht eisig.
- Psychiater? Nein, keineswegs. Chirurg.
Ich schwieg, es dauerte bis sie das Verhör wieder aufnahm.
- Du hast es eilig, den Akt zu erledigen, nicht wahr? Aber vielleicht fehlt die Liebe? Dieses kindische Wort… Das Bedürfnis nach Liebe, ist es das? Oder das Schuldgefühl, irgendein heimliches Schuldgefühl…du willst das Ficken schnell erledigen, ist es das?
Sie drehte sich um, beugte sich über die Wodkaflasche auf dem Fußboden. Sie war nicht mehr jung, der Körper war aber gut gepflegt, elastisch, harmonisch. Es war nur noch ein Tropfen Wodka übriggeblieben, sie feuchtete damit ihren langen, weißen Zeigefinger an und leckte ihn langsam ab.
- Oder sind die Bücher daran schuld?…Oder die sozialistische Polizei? Ihr hattet keine Zeit und durftet die dummen sexuellen Versuche nicht unternehmen? Na ja, das Verbot steigert das Interesse, nicht wahr? Das Interesse führt zum Experimentieren und das Experimentieren führt zu Erfahrung, nicht wahr?
Ich antwortete nicht mehr, ich fixierte sie ebenfalls mit dem Blick, gar nicht neugierig, den dunklen Nukleus des Verhörs zu entziffern.
Wir rauchten beide schweigend aus ihrem Dunhill-Päckchen, wir schliefen nebeneinander, nackt und gleichgültig, auf der Matratze. Bei Morgengrauen schlüpfte ich hinaus, erschöpft, ausgelaugt, wie nach einem Rausch mit bitterem Gras. Ich streifte lange auf den Straßen der Liebeshauptstadt umher, in der kalten Luft, zum Viertel hin, wo Doktor Thibault einst Rachele begegnet war. Die Stadt hatte sich entfremdet.
Ich habe Kirsten am nächsten Tag nicht mehr angerufen, wie ich versprochen hatte. Es tat mir Leid, schrieb ich ihr dann aus Bukarest, aus Jerusalem. Bevor ich zum Maastrichter Kongress aufbrach, schrieb ich ihr ein paar Zeilen aus New York, auf einer Postkarte mit dem ohrlosen Van Gogh, dann aus dem Hotel Simplicissimus, um sie wissen zu lassen, dass ich eine Woche in Holland sein würde und nach Amsterdam kommen könnte. Sie antwortete nicht.
Nie hätte ich mir vorgestellt, dass sie einfach so in den Aufzug meines Wohnblocks hineinstürmen würde. Die Jahre waren verstrichen, ich fuhr von der 34. Etage hinunter, im 16. Stock öffnete sich die Tür, zunächst war niemand da, dann stürmte die dünne Blondine hinein, mit kurzen Haaren und einem winzigen, weißen Hund auf dem Arm. Sie war mir bis dahin nicht aufgefallen, es sind 52 Stockwerke und etwa Tausend Wohnungen in unserem Gebäue auf der Upper West Side, da kann man nicht jeden kennen.
Alma war böse und kalt, besessen von ihren täglichen Gymnastikübungen und ihrem Schatz Micro, wie sie ihren flauschigen, hysterischen Köter nannte. Das Hündchen brachte scheinbar Gleichgewicht in die Frustrationen und Ambitionen der jungen Anwältin, oder das, was sie mit schneidiger, unerbittlicher Stimme self-esteem nannte, eine Art Test, der die Lebenden von den Toten trennte.
Mit meinem Englisch hatte ich keine Schwierigkeiten mehr, aber den erotischen Slang lernte ich nur mühevoll. Alma war überschwänglich, im Bett perfekt funktionstüchtig, und bot den Vorteil, dass ich mich ein paar Mal im Monat für eine, zwei, oder sogar drei Stunden in ihr Gemach schleichen konnte, ohne, dass es jemand bemerkte. Die rhetorischen Anwandlungen über Ethik und Gerechtigkeitssinn, die sie lieferte, irritierten mich, aber ich kehrte regelmäßig in das Versteck im 16. Stock zurück. Zum Begräbnis ging ich aber nicht, obwohl alle Mitbewohner teilnahmen und niemand eine Liebesbeziehung mit der Verstorbenen vermutet hätte. Der Unfall hatte den langgezogenen, elastischen Körper der Mutter und den winzigen Körper des Schatzes einfach in viele Teile zerfetzt. Das Bild verfolgte mich, ich brauchte keine Trauerzeremonien. Beim Begräbnis hätte ich Alta, Almas Zwillingsschwester kennen lernen können, von der die Nachbarn unaufhörlich und entzückt erzählten.
Erst ein Jahr später stürmte Alta in den Aufzug. Sie hatte statt des Hundes ein Fahrrad dabei, auf dessen Lenkstange ein Henry Miller-Buch befestigt war. Sie war Ballerina gewesen, den Sexualakt führte sie graziös und scherzhaft aus.
- Lass mich anfangen. So, zwischen den Lippen. Es wächst, es wird wachsen. Halt dich zurück, halt dich zurück, sonst beiß ich! Schau mal, es wächst, halt dich zurück, so lange es geht.
Die Stimme war klar, jede Spur von Heiserkeit war verschwunden. Alta rauchte seit zehn Jahren nicht mehr.
- So, lass es nicht los! Halt dich zurück. Die Hand hierhin, in das Loch, an den Siedepunkt. Jetzt, jetzt gehst du rein. Langsam und kraftvoll, wie ich es dir erklärt habe. Langsam, langsam und kraftvoll.
An einem Samstagabend schob ich eine wilde Migräne vor, um die Familie nicht über das Wochenende auf den Gebirgsausflug begleiten zu müssen. Ich schlief eine ganze Nacht bei Alta. Sie hatte sich diese Extravaganz längst gewünscht, immer wieder hielt sie mich an, das Risiko einzugehen. Sie würde bald heiraten, es war ihr wichtig, eine Nacht mit mir zu verbringen.
Eine schmerzhafte, morbide Freude, die späte Extase der letzten Nacht, neben dem einstigen zarten, kräftigen Körper.
Tiefer, jugendlicher Schlaf, eine Ausspeiung. Die helle, blaue Rauchspur. Die Straßenbahn 17. Rachele stieg fröhlich aus, in ihrem weiten, roten Mantel, mit dem kleinen Micro auf dem Arm. Wir umarmten uns gerührt, die giftigen Mohair-Wellen machten mich schwindlig, dieses Grabgewand, ich kämpfte mit den Tränen. Die Nasenlöcher waren voll mit den süßen Giften alter Zeiten. Das Aroma des nächtlichen Aphrodisiakums, die Ohnmacht, der raubgierige Augenblick, die fatale Droge des Alters.












