Das Buch des Millionärs: Mittagstisch in Metopolis, als erstes kommt ein Rad an

Ştefan Bănulescu | August 18, 2008
Translated by: Gerhardt Csejka

 

Zur Mittagszeit eines Tages im Juli kam in den Ort Metopolis ein dürrer hochgewachsener Mann, die Hose rötlich, das Hemd in grauen Rhomben gemustert und kragenlos, er hatte einen langen Hals, einen kleinen Kopf mit zerzaustem blonden Haar und den Schirm der ausgebleichten Mütze tief über die Augen gezogen. Der Mann ging auf der Landstraße, indem er ein Wagenrad vor sich her schubste. Die Landstraße war leer, die Tore der Häuser waren geschlossen, die Männer und Frauen auf Arbeit unterwegs, soweit es da und dort Arbeit für sie gegeben hatte. Das Rumpeln des Rades, das sich über die ganze Breite der Landstraße bewegte, in seinem irren Lauf gefolgt von den Sprüngen des dürren Mannes mit dem langen Hals, erregte bei denen, die in Haus und Hof verblieben waren, keine Verwunderung, auch nicht der Umstand, dass Rad und Mann nicht angehalten hatten bei der Radwerkstatt, die es im Seitenflügel der Farm von General Marosin gab. Es war nur noch ein kleines Strück bis zum Verlassen des Ortes, schon begann das Straßenknie mit tiefen Gräben links von der orthodoxen Kirche, als der Mann sich von seinem Rad löste, ihm einen letzten Anschub gab und es laufen ließ, wohin es wollte. Er aber blieb mitten auf der Landstraße stehen und wandte langsam den kleinen Kopf, zunächst um den von glühender Sonne erfüllten Himmel zu betrachten, dann die Ummauerung der Höfe, deren Gestein von der Zeit zermürbt und voller Schwämme war, die leeren Höfe, die Häuser mit den kleinen, zum Schutz vor der Hitzeglut innen mit Sackleinwand oder Zeitungspapier verhängten Fenstern.
Das Rad wankte eine Weile hin und her, schlug dann mit einem dumpfen Knall an einen Telegraphenmast und fiel gegenüber der Kirche seitlich in den Graben, aus dem ein Schwarm staubiger Spatzen aufflog und ein Schauer benommener kleiner Heuschrecken hochsprühte.
Dann erschien ich. Ich ging geradewegs auf den Unbekannten zu, der mitten auf der Landstraße stehen geblieben war. Ich trug eine weiße Hose mit frischer Bügelfalte und ein gelbes Hemd, hatte die Hände am Rücken und drehte hinter meinen Schultern den eleganten Spazierstock mit Perlmuttinkrustationen und versilbertem Knauf. Ich fragte den Fremden, da ich vor ihm stand und meinen Blick abwechselnd auf ihn und auf das Rad im Graben richtete:
„Bist du hergekommen, um ein Vermögen zu machen?”
Der Herr des Rads gab keine Antwort. Er verharrte dort mitten auf der Straße. Er wich mir mit den Blicken aus, schielte nach dem Rad im Graben und trat von einem Fuß auf den anderen in einer Weise, die anzeigte, dass seine nackten Sohlen es kaum noch ertrugen, von den heißen und spitzen Steinen der Straße versengt und gepiekst zu werden. Dann schob er seine zartknochige Hand tief in die Tasche seiner rötlichen Hose und holte eine hölzerne Tabaksdose hervor, zog daraus eine aus Zeitungspapier gedrehte Zigarette und wollte die Dose zumachen und durch die ausgefranste Öffnung zurück in die Hosentasche fallen lassen. Ich hatte gerade noch Zeit, die Hand zur hölzernen Tabaksdose auszustrecken und mir ebenfalls eine Zigarette zu nehmen. „Ich rauche nicht”, sagte ich zu ihm, „doch ich nehme mir eine wegen dem Vergnügen, die Bekanntschaft gemacht zu haben”, und schickte mich an, sie sorgsam hinter das Band meines Strohhuts zu schieben, wo sich bereits andere Zigaretten aneinanderreihten, und steckte sie dazu, nachdem ich das Zeitungsblättchen beäugt hatte, das ihre Hülle abgab. „Du liest den Universul” – sagte ich zu dem Fremden – „mir ist zu Ohren gekommen, dass das Blatt samt Luigi Cazzavillan pleite ist, doch offenbar steht es um diese Krisendinge nicht überall gleich”. Der Mann mit dem Rad antwortete mir auch diesmal nicht. Ich deutete mit meinem perlmuttigen Spazierstock auf eine unförmige Bank am Kirchenzaun: „Lass uns Platz nehmen.”
Der Herr des Rades rührte sich nicht vom Fleck, nahm bloß die Sohlen von den erhitzten Steinen und blieb dort, in der Landstraßenmitte.
Ich stieg hinab in den tiefen Graben und setzte mich dann so auf die Bank, dass ich den Fremden vor mir hatte. Ich stützte mein frisch rasiertes Kinn auf den versilberten Knauf und fing wieder an:
„Ich habe dich gefragt, ob du mit dem Rad hierher gekommen bist, um ein Vermögen zu machen. Da sind auch schon andere gekommen, auch mit zwei Rädern, auch mit vier, und was daraus geworden ist, kann man sehen – und ich zeigte auf die Häuser und Höfe, wie sie da waren.
Der Mann mit dem langen Hals und dem kleinen Kopf fuhr sich mit einer Hand ins wirre blonde Haar, dann zog er sich den Schirm der gebleichten Mütze noch tiefer ins Gesicht und sog weiterhin an der Zeitungszigarette, ohne näher heran zu kommen.
„Allerdings, mit einem einzigen Rad hat es bisher noch keiner versucht, seit es die Zivilisation gibt auf dem Erdball. Aber vielleicht ist ja genau dies das Geheimnis“ – sagte ich zu ihm, nahm meinen Strohhut ab, rückte die Zigaretten hinter dem Band zurecht und setzte ihn wieder auf. „Mich“, redete ich weiter, während ich ihm dabei zusah, wie er endlos seine Zigarette aus Zeitung schmauchte, „nennt man hier in Metopolis den Millionär. Ich kleide mich ordentlich, trage Hosen mit Bügelfalte, habe Zaunpfosten mit bunten Kugeln drauf, ich bewohne sechs Kilometer außerhalb von Metopolis ein marmornes Haus, das ich mir aus den Brocken erbaute, die ich aufgesammelt habe von den Hügeln, die du dort sehen kannst (und ich zeigte zu den umliegenden fernen Hügeln hin, wo nichts zu sehen war außer von der schweren Mittagssonne gerötete Staubstreifen). Ich habe ein Zaumzeug mit Zwecken und schön gearbeiteter Kandare, ohne ein Pferd zu besitzen. Ich wähle gern meine Worte, wenn ich spreche, ich fluche nicht, ich fürchte den morgigen Tag nicht und lobe nicht den heutigen, auch bewerfe ich den gestrigen nicht oft mit Steinen. Man nennt mich den Millionär, und dies ist hier in Metopolis weit und breit der einzige Spottname, der nicht von Niedertracht strotzt. Alle anderen sind gröbste Beschimpfungen, die Metopolisianer haben seit ältesten Zeiten einen Sinn für böse Spottnamen, die Menschen leben hier und bewegen sich, jeder mit einem Spottnamen gebrandmarkt. Du, Fremder, sieh zu, dass du von den ersten Tagen an einen möglichst wenig fluchbeladenen Spitznamen ergatterst, sagen wir, in der Art von Krummes-Rad oder Kaltes-Rad, denn sonst bist du, wenn du hier bleibst und einen bösen bekommst, dazu verdammt, zehnfach Spott zu ertragen nach der Bosheit des Spitznamens. Mir wünschen die Leute zwar keinen Guten Tag, das stimmt, doch sie geben meinen Gruß zurück, sooft ich mich herbeilasse, sie mit einem Gruß zu beehren. Du denkst vielleicht, du könntest auf der Farm des Generals Marosin etwas Arbeit finden, sie ist von seinen Verwandten vollbesetzt, er selbst, obwohl General, ist gewissermaßen der Gefangene seiner Verwandten, einen Fremden würden die bei lebendigem Leib verzehren. Wo hast du das Rad her?“
„Es gehört mir“, antwortete endlich, in feindseligem Ton, der Unbekannte und begann erneut seine langen dünnen Beine in der Landstraßenmitte hin und her zu rücken, jetzt aber brannten die Steine wohl zu heftig und wurde die Müdigkeit zu groß, er hielt es nicht länger aus und schlürfte zum Grabenrand, ließ sich mir gegenüber nieder.
„Wie heißt du?“ fragte ich ihn die Augenbrauen zusammenziehend, als ich seine rissigen, zerfetzten Sohlen und schmutzigen Zehen sah.
„Glad.“
„Der Name ist nicht aus dieser Gegend. Du kommst ausMarmatien.“
„Da etwa soll ich herkommen.“
„In Marmatien“, sagte ich ihm, „habe auch ich eine Schwester, sie ist mit einem Holzfäller verheiratet. Ich war niemals dort, und auch meine Schwester ist nie wieder hierher gekommen. Sie hat mir ein einziges Mal geschrieben, ist noch gar nicht lange her, ich soll ihr eine Steppdecke schicken, die sie kannte und von der sie annahm, sie liege noch irgendwo bei mir im Haus herum. Aber die Steppdecke hat eine lange Geschichte, eine so lange, dass du sicher schon verstanden hast: sie befand sich nicht mehr in meinem Haus und ich war nicht in der Lage, sie ihr auf Verlangen zuzuschicken.“
„Nichts hab ich verstanden und ich verstehe nichts“ – sagte der Mann mit dem Rad und seine blassblauen Augen mit gelben Wimpern blinzelten ins Leere. „Ich verstehe nichts, und ich will auch gar nichts verstehen“, wiederholte er zornig. „Ich möchte gern etwas essen.“
Ich zog aus der Brusttasche meines Hemdes ein schmales Schächtelchen, dem ich ein paar Bonbons entnahm, die teilte ich mit Glad, dem Fremden, und wir lutschten eine Weile wortlos vor uns hin.
„Diese Bonbons“, begann ich dann wieder, „schickt mir von Zeit zu Zeit der General Marosin mit einem Begleitbrief: ‚Millionär, empfange diese Bonbons als Hommage, zum Zeichen meiner unerschütterlichen Hochachtung.’ Ich putze dem General das Jagdgewehr, und wir gehen jeden Herbst Wildenten und Blässhühner jagen auf der Insel der Pferde. Die ist da irgendwo, die Insel der Pferde“, sagte ich zu Glad und deutete mit der Spitze des Spazierstockes hinter mich, auf eine Stelle jenseits des Kirchturms. Die Insel der Pferde beginnt irgendwo sehr weit weg von hier, nach Süden hin, auf gleicher Höhe in etwa mit der Stadt Mavrocordat – da, wo der Strom sich in zwei Arme aufspaltet – und endet hier auf der Nordseite vor Metopolis, wo die Arme des Stroms sich wieder vereinen. Und nachdem sie sich vereint haben, zerteilt sich der Strom bald wieder in zwei Arme und bildet in ihrer Mitte eine andere Insel, die Insel der Schlächter, wo ununterbrochen Hunderte Schafe aufgeschlitzt und gesalzen werden für die Türkei und andere Orte im Orient, wo man Berge von Pilaf verzehrt. An diesem Ufer liegen wir, also Metopolis mit seinen Häusern auf den Hügeln verteilt wie in einem Amphitheater. Am jenseitigen Ufer breitet sich die Dicomesia-Ebene aus. Um den Strom von der Ebene her Richtung Metopoliszu überqueren, nimmt man am besten die Furten bei der Wollburg, dort ist immer großes Gedränge, viel Lärm, dort ziehen auch die Schafherden, Ziegenherden und Büffelherden vorbei. ZwischenMetopolis und der Wollburg, mitten im Strom endet, wie gesagt, der Nordzipfel der Insel der Pferde. Die Macht des Generals Marosin erstreckt sich über nahezu dieses ganze Gebiet, das ich dir beschrieben habe, mit seinen Farmen und Gärtnereien. Seine Macht erstreckt sich auch über die Lederhändler der Wollburg, das sind sozusagen seine Vasallen, und über die Pferdezüchter vonDicomesia, die von ihm nur unabhängig sind, solange sie im Sattel sitzen und beim Galoppieren sogar sich selbst vergessen, wie außerdem auch die Hirten der Schafe und der Büffelkühe, die barfüßigen Betreiber von Walkmühlen und Tuchwebereien seiner Macht unterstehen, sodann zahllose Ackerbauern, Fährmänner, Brückenwächter, Pontonkapitäne, Furtaufseher und so weiter. Alle wissen, dass über ihnen der General Marosin steht, und der General selbst weiß, und außer ihm nur noch ich, dass er eine Art Gefangener seiner Verwandtschaft ist, die alles beherrscht und zermalmt. Wenn wir auf die Insel der Pferde Enten jagen gehen, spricht der General Marosin kein Wort, erwartet aber von mir, mit dem Sprechen nicht aufzuhören, solange ich an seiner Seite bin. Daher meine Macke, mehr zu reden, als ich selber möchte. Und da ich ihm gegenüber bei der Wortwahl Sorgfalt walten lassen muss – er ist ein General, der Könige kennengelernt, der Rom, Paris und Stockholm gesehen hat –, begann ich die Worte allen gegenüber sorgfältig zu wählen, so als würde ich immer nur mit Generälen sprechen. Somit bist für mich auch du ein General: General Glad aus Marmatien. Ich begrüße dich, General Glad, ich heiße dich in Metopolis willkommen und beehre dich mit Bonbons von General Marosin. Auch General Marosin selbst konsumiert Bonbons. Er leidet an einem chronischen Husten. Dies sind Hustenbonbons. Aber sie schmecken gut, haben Vitamine, und vor allem im Sommer erfreuen sie deinen Hals, denn sie wirken kühlend.“
„Ja, sie sind gut“, sagte Glad, der Mann mit dem Rad, und lutschte weiter.
„Nun, da wir uns bekannt gemacht haben, ist alles sonnenklar, und es macht keinen Sinn, dass du dich weiter so dumm anstellst, entschuldige den Ausdruck: Ich bin der Millionär, du aber, der mit dem Rad nach Metopolis kam, bist Glad aus Marmatien, gerade erst aus der Haft entlassen, du willst reich werden, willst dein Leben von vorn anfangen, zu mir geschickt hat dich meine Schwester aus Marmatien, sie behauptet jedenfalls, meine Schwester zu sein. Siehst du, jetzt stehen wir uns gegenüber, und ich ernenne dich zum General, woraus du ersehen solltest, dass ich dir keine Hindernisse in den Weg legen werde, den Fall ausgenommen, dass du mich zu erwürgen versuchst.
Ich schwieg, ohne noch einmal zu ihm hin zu sehen. Ich nahm meinen Strohhut ab, zog Zigarette um Zigarette unter dem Band hervor und reichte sie alle dem Fremden, der seine hölzerne Tabaksdose damit füllte. Ich pflege keine Zigaretten unterm Hutband zu tragen, ich bin ein Mensch, der auch seinem Hut Achtung entgegenbringt, ich tat es nur, um ihn in einer irgendwie besonderen Weise zu empfangen, und damit er mich erkennt. „Meine Schwester“ hatte mich in ihrem Brief wissen lassen, dass er Raucher ist und es „nicht mal für Tabak reicht“, so schrieb sie mir. Dann richtete ich erneut das Wort an den Fremden mit dem Rad.
„In jenem Herbst, ich meine den Herbst letzten Jahres, schoss der General sehr viele Enten. Aus einigen davon bereiteten wir ein Mittagessen auf der Farm oder im Pfarrhaus, ich weiß es nicht mehr genau, ich bin da wie dort sehr oft eingeladen. An jenem Mittagessen nahmen der General Marosin, der Herr Pfarrer und ich teil. Der Pfarrer hat viel Unglück sowohl hinter sich als auch vor sich, deshalb sagt er auch beim Essen immer wieder unter Seufzern: ‚Ach, unglückseliges Leben’. Daher auch sein Spitzname: Unglückseligs Leben.“
Ich redete weiter und redete viel, stets darauf bedacht, möglichst keinem zu nahe zu treten. Von Zeit zu Zeit hielt ich inne und schaute über die Schulter in den Hof der orthodoxen Kirche. Endlich hörte man hinter dem Kirchenzaum weit ausgreifende Schritte im Gras. Eine monumentale Frau mit großer Kinnlade und herben, männlichen Gesichtszügen, kleinen leicht schielenden Augen und einem Stück Sackleinwand um den Kopf – dieKüsterfrau. Sie läutet die Glocken der Kirche und kümmert sich um die Pfarrei. Die Küsterfrau blieb in respektvoller Distanz vor dem Zaun stehen und sagte zu mir:
„Herr Millionär, bitte zu Tisch, seine Heiligkeit erwartet Sie.“
„Moment mal, lauf nicht gleich weg“, rief ich der Mannfrau zu, die sich bereits umgedreht hatte, um dahin zu verschwinden, woher sie aufgetaucht war. Ich erklärte Glad, dem Fremden: Seine Heiligkeit der Parochus lädt mich bisweilen zum Mittagessen ein. Ich besorge die Buchführung der Pfarrei, wenn gerade kein anderer dies billiger und besser erledigt. Dann zur Küsterfrau gewandt: Sag Seiner Heiligkeit, ich bringe noch einen Gast mit, General Glad aus Marmatien. Und leg noch ein Besteck am Nachbartisch auf.“
Glad holte sein Rad aus dem Graben.
Ich öffnete weit das Tor im Kirchenzaun.
Glad rollte das Rad Richtung Tor. Im Gras des Kirchhofs versetzte er ihm einen Stoß und das Rad rollte dahin, bis es irgendwo zwischen den verwilderten Zwergholundern mit großen weißen Blüten an den Spitzen umsank. Wir schlossen das Tor und steuerten auf die Pfarramtshäuser hinter der Kirche zu.
Der General Marosin war ebenfalls zu Tisch geladen.
Ab und zu hörte man ihn trocken husten.
 
 

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