Zur Mittagszeit eines Tages im Juli kam
in den Ort Metopolis ein dürrer hochgewachsener Mann, die Hose
rötlich, das Hemd in grauen Rhomben gemustert und kragenlos, er
hatte einen langen Hals, einen kleinen Kopf mit zerzaustem blonden
Haar und den Schirm der ausgebleichten Mütze tief über die Augen
gezogen. Der Mann ging auf der Landstraße, indem er ein Wagenrad vor
sich her schubste. Die Landstraße war leer, die Tore der Häuser
waren geschlossen, die Männer und Frauen auf Arbeit unterwegs,
soweit es da und dort Arbeit für sie gegeben hatte. Das Rumpeln des
Rades, das sich über die ganze Breite der Landstraße bewegte, in
seinem irren Lauf gefolgt von den Sprüngen des dürren Mannes mit
dem langen Hals, erregte bei denen, die in Haus und Hof verblieben
waren, keine Verwunderung, auch nicht der Umstand, dass Rad und Mann
nicht angehalten hatten bei der Radwerkstatt, die es im Seitenflügel
der Farm von General Marosin gab. Es war nur noch ein kleines Strück
bis zum Verlassen des Ortes, schon begann das Straßenknie mit tiefen
Gräben links von der orthodoxen Kirche, als der Mann sich von seinem
Rad löste, ihm einen letzten Anschub gab und es laufen ließ, wohin
es wollte. Er aber blieb mitten auf der Landstraße stehen und wandte
langsam den kleinen Kopf, zunächst um den von glühender Sonne
erfüllten Himmel zu betrachten, dann die Ummauerung der Höfe, deren
Gestein von der Zeit zermürbt und voller Schwämme war, die leeren
Höfe, die Häuser mit den kleinen, zum Schutz vor der Hitzeglut
innen mit Sackleinwand oder Zeitungspapier verhängten Fenstern.
Das Rad wankte eine Weile hin und her,
schlug dann mit einem dumpfen Knall an einen Telegraphenmast und fiel
gegenüber der Kirche seitlich in den Graben, aus dem ein Schwarm
staubiger Spatzen aufflog und ein Schauer benommener kleiner
Heuschrecken hochsprühte.
Dann erschien ich. Ich ging
geradewegs auf den Unbekannten zu, der mitten auf der Landstraße
stehen geblieben war. Ich
trug eine weiße Hose mit frischer Bügelfalte und ein gelbes Hemd,
hatte die Hände am Rücken und drehte hinter meinen Schultern den
eleganten Spazierstock mit Perlmuttinkrustationen und versilbertem
Knauf. Ich fragte den Fremden, da ich vor ihm stand und meinen Blick
abwechselnd auf ihn und auf das Rad im Graben richtete:
„Bist du hergekommen, um ein Vermögen
zu machen?”
Der Herr des Rads gab keine Antwort. Er
verharrte dort mitten auf der Straße. Er wich mir mit den Blicken
aus, schielte nach dem Rad im Graben und trat von einem Fuß auf den
anderen in einer Weise, die anzeigte, dass seine nackten Sohlen es
kaum noch ertrugen, von den heißen und spitzen Steinen der Straße
versengt und gepiekst zu werden. Dann schob er seine zartknochige
Hand tief in die Tasche seiner rötlichen Hose und holte eine
hölzerne Tabaksdose hervor, zog daraus eine aus Zeitungspapier
gedrehte Zigarette und wollte die Dose zumachen und durch die
ausgefranste Öffnung zurück in die Hosentasche fallen lassen. Ich
hatte gerade noch Zeit, die Hand zur hölzernen Tabaksdose
auszustrecken und mir ebenfalls eine Zigarette zu nehmen. „Ich
rauche nicht”, sagte ich zu ihm, „doch ich nehme mir eine wegen
dem Vergnügen, die Bekanntschaft gemacht zu haben”, und schickte
mich an, sie sorgsam hinter das Band meines Strohhuts zu schieben, wo
sich bereits andere Zigaretten aneinanderreihten, und steckte sie
dazu, nachdem ich das Zeitungsblättchen beäugt hatte, das ihre
Hülle abgab. „Du liest den Universul”
– sagte ich zu dem Fremden – „mir ist zu Ohren gekommen, dass
das Blatt samt Luigi Cazzavillan pleite ist, doch offenbar steht es
um diese Krisendinge nicht überall gleich”. Der Mann mit dem Rad
antwortete mir auch diesmal nicht. Ich deutete mit meinem
perlmuttigen Spazierstock auf eine unförmige Bank am Kirchenzaun:
„Lass uns Platz nehmen.”
Der Herr des Rades rührte sich nicht
vom Fleck, nahm bloß die Sohlen von den erhitzten Steinen und blieb
dort, in der Landstraßenmitte.
Ich stieg hinab in den tiefen Graben und
setzte mich dann so auf die Bank, dass ich den Fremden vor mir hatte.
Ich stützte mein frisch rasiertes Kinn auf den versilberten Knauf
und fing wieder an:
„Ich habe dich gefragt, ob du mit dem
Rad hierher gekommen bist, um ein Vermögen zu machen. Da sind auch
schon andere gekommen, auch mit zwei Rädern, auch mit vier, und was
daraus geworden ist, kann man sehen – und ich zeigte auf die Häuser
und Höfe, wie sie da waren.
Der Mann mit dem langen Hals und dem
kleinen Kopf fuhr sich mit einer Hand ins wirre blonde Haar, dann zog
er sich den Schirm der gebleichten Mütze noch tiefer ins Gesicht und
sog weiterhin an der Zeitungszigarette, ohne näher heran zu kommen.
„Allerdings, mit einem einzigen Rad
hat es bisher noch keiner versucht, seit es die Zivilisation gibt auf
dem Erdball. Aber vielleicht ist ja genau dies das Geheimnis“ –
sagte ich zu ihm, nahm meinen Strohhut ab, rückte die Zigaretten
hinter dem Band zurecht und setzte ihn wieder auf. „Mich“, redete
ich weiter, während ich ihm dabei zusah, wie er endlos seine
Zigarette aus Zeitung schmauchte, „nennt man hier in Metopolis
den Millionär.
Ich kleide mich ordentlich, trage Hosen mit Bügelfalte, habe
Zaunpfosten mit bunten Kugeln drauf, ich bewohne sechs Kilometer
außerhalb von Metopolis
ein marmornes Haus, das ich mir aus den Brocken erbaute, die ich
aufgesammelt habe von den Hügeln, die du dort sehen kannst (und ich
zeigte zu den umliegenden fernen Hügeln hin, wo nichts zu sehen war
außer von der schweren Mittagssonne gerötete Staubstreifen). Ich
habe ein Zaumzeug mit Zwecken und schön gearbeiteter Kandare, ohne
ein Pferd zu besitzen. Ich wähle gern meine Worte, wenn ich spreche,
ich fluche nicht, ich fürchte den morgigen Tag nicht und lobe nicht
den heutigen, auch bewerfe ich den gestrigen nicht oft mit Steinen.
Man nennt mich den Millionär,
und dies ist hier in Metopolis
weit und breit der einzige Spottname, der nicht von Niedertracht
strotzt. Alle anderen sind gröbste Beschimpfungen, die
Metopolisianer haben seit ältesten Zeiten einen Sinn für böse
Spottnamen, die Menschen leben hier und bewegen sich, jeder mit einem
Spottnamen gebrandmarkt. Du, Fremder, sieh zu, dass du von den ersten
Tagen an einen möglichst wenig fluchbeladenen Spitznamen ergatterst,
sagen wir, in der Art von Krummes-Rad
oder Kaltes-Rad,
denn sonst bist du, wenn du hier bleibst und einen bösen bekommst,
dazu verdammt, zehnfach Spott zu ertragen nach der Bosheit des
Spitznamens. Mir wünschen die Leute zwar keinen Guten Tag, das
stimmt, doch sie geben meinen Gruß zurück, sooft ich mich
herbeilasse, sie mit einem Gruß zu beehren. Du denkst vielleicht, du
könntest auf der Farm des
Generals Marosin etwas Arbeit
finden, sie ist von seinen Verwandten vollbesetzt, er selbst, obwohl
General, ist gewissermaßen der Gefangene seiner Verwandten, einen
Fremden würden die bei lebendigem Leib verzehren. Wo hast du das Rad
her?“
„Es gehört mir“, antwortete
endlich, in feindseligem Ton, der Unbekannte und begann erneut seine
langen dünnen Beine in der Landstraßenmitte hin und her zu rücken,
jetzt aber brannten die Steine wohl zu heftig und wurde die Müdigkeit
zu groß, er hielt es nicht länger aus und schlürfte zum
Grabenrand, ließ sich mir gegenüber nieder.
„Wie heißt du?“ fragte ich ihn die
Augenbrauen zusammenziehend, als ich seine rissigen, zerfetzten
Sohlen und schmutzigen Zehen sah.
„Glad.“
„Der Name ist nicht aus dieser Gegend.
Du kommst ausMarmatien.“
„Da etwa soll ich herkommen.“
„In Marmatien“,
sagte ich ihm, „habe auch ich eine Schwester, sie ist mit einem
Holzfäller verheiratet. Ich war niemals dort, und auch meine
Schwester ist nie wieder hierher gekommen. Sie hat mir ein einziges
Mal geschrieben, ist noch gar nicht lange her, ich soll ihr eine
Steppdecke schicken, die sie kannte und von der sie annahm, sie liege
noch irgendwo bei mir im Haus herum. Aber die Steppdecke hat eine
lange Geschichte, eine so lange, dass du sicher schon verstanden
hast: sie befand sich nicht mehr in meinem Haus und ich war nicht in
der Lage, sie ihr auf Verlangen zuzuschicken.“
„Nichts hab ich verstanden und ich
verstehe nichts“ – sagte der Mann mit dem Rad und seine
blassblauen Augen mit gelben Wimpern blinzelten ins Leere. „Ich
verstehe nichts, und ich will auch gar nichts verstehen“,
wiederholte er zornig. „Ich möchte gern etwas essen.“
Ich zog aus der Brusttasche meines
Hemdes ein schmales Schächtelchen, dem ich ein paar Bonbons entnahm,
die teilte ich mit Glad, dem Fremden, und wir lutschten eine Weile
wortlos vor uns hin.
„Diese Bonbons“, begann ich dann
wieder, „schickt mir von Zeit zu Zeit der General Marosin mit einem
Begleitbrief: ‚Millionär,
empfange diese Bonbons als Hommage, zum Zeichen meiner
unerschütterlichen Hochachtung.’
Ich putze dem General das Jagdgewehr, und wir gehen jeden Herbst
Wildenten und Blässhühner jagen auf der Insel
der Pferde. Die ist da
irgendwo, die Insel der
Pferde“, sagte ich zu Glad
und deutete mit der Spitze des Spazierstockes hinter mich, auf eine
Stelle jenseits des Kirchturms. Die Insel
der Pferde beginnt irgendwo
sehr weit weg von hier, nach Süden hin, auf gleicher Höhe in etwa
mit der Stadt Mavrocordat
– da, wo der Strom sich in zwei Arme aufspaltet – und endet hier
auf der Nordseite vor Metopolis,
wo die Arme des Stroms sich wieder vereinen. Und nachdem sie sich
vereint haben, zerteilt sich der Strom bald wieder in zwei Arme und
bildet in ihrer Mitte eine andere Insel, die Insel der Schlächter,
wo ununterbrochen Hunderte Schafe aufgeschlitzt und gesalzen werden
für die Türkei und andere Orte im Orient, wo man Berge von Pilaf
verzehrt. An diesem Ufer liegen wir, also Metopolis
mit seinen Häusern auf den Hügeln verteilt wie in einem
Amphitheater. Am jenseitigen Ufer breitet sich die Dicomesia-Ebene
aus. Um den Strom von der Ebene her Richtung Metopoliszu überqueren, nimmt man am
besten die Furten bei der Wollburg,
dort ist immer großes Gedränge, viel Lärm, dort ziehen auch die
Schafherden, Ziegenherden und Büffelherden vorbei. ZwischenMetopolis
und der Wollburg,
mitten im Strom endet, wie gesagt, der Nordzipfel der Insel
der Pferde. Die Macht des
Generals Marosin erstreckt sich über nahezu dieses ganze Gebiet, das
ich dir beschrieben habe, mit seinen Farmen und Gärtnereien. Seine
Macht erstreckt sich auch über die Lederhändler der Wollburg,
das sind sozusagen seine Vasallen, und über die Pferdezüchter vonDicomesia,
die von ihm nur unabhängig sind, solange sie im Sattel sitzen und
beim Galoppieren sogar sich selbst vergessen, wie außerdem auch die
Hirten der Schafe und der Büffelkühe, die barfüßigen Betreiber
von Walkmühlen und Tuchwebereien seiner Macht unterstehen, sodann
zahllose Ackerbauern, Fährmänner, Brückenwächter, Pontonkapitäne,
Furtaufseher und so weiter. Alle wissen, dass über ihnen der General
Marosin steht, und der General selbst weiß, und außer ihm nur noch
ich, dass er eine Art Gefangener seiner Verwandtschaft ist, die alles
beherrscht und zermalmt. Wenn wir auf die Insel
der Pferde Enten jagen gehen,
spricht der General Marosin kein Wort, erwartet aber von mir, mit dem
Sprechen nicht aufzuhören, solange ich an seiner Seite bin. Daher
meine Macke, mehr zu reden, als ich selber möchte. Und da ich ihm
gegenüber bei der Wortwahl Sorgfalt walten lassen muss – er ist
ein General, der Könige kennengelernt, der Rom, Paris und Stockholm
gesehen hat –, begann ich die Worte allen gegenüber sorgfältig zu
wählen, so als würde ich immer nur mit Generälen sprechen. Somit
bist für mich auch du ein General: General
Glad aus Marmatien. Ich begrüße dich, General Glad, ich heiße dich
in Metopolis willkommen und beehre dich mit Bonbons von General
Marosin. Auch General Marosin
selbst konsumiert Bonbons. Er leidet an einem chronischen Husten.
Dies sind Hustenbonbons. Aber sie schmecken gut, haben Vitamine, und
vor allem im Sommer erfreuen sie deinen Hals, denn sie wirken
kühlend.“
„Ja, sie sind gut“, sagte Glad, der
Mann mit dem Rad, und lutschte weiter.
„Nun, da wir uns bekannt gemacht
haben, ist alles sonnenklar, und es macht keinen Sinn, dass du dich
weiter so dumm anstellst, entschuldige den Ausdruck: Ich
bin der Millionär, du aber, der mit dem Rad nach Metopolis kam, bist
Glad aus Marmatien, gerade erst aus der Haft entlassen, du willst
reich werden, willst dein Leben von vorn anfangen, zu mir geschickt
hat dich meine Schwester aus Marmatien, sie behauptet jedenfalls,
meine Schwester zu sein.
Siehst du, jetzt stehen wir uns gegenüber, und ich ernenne dich zum
General, woraus du ersehen solltest, dass ich dir keine Hindernisse
in den Weg legen werde, den Fall ausgenommen, dass du mich zu
erwürgen versuchst.
Ich schwieg, ohne noch einmal zu ihm hin
zu sehen. Ich nahm meinen Strohhut ab, zog Zigarette um Zigarette
unter dem Band hervor und reichte sie alle dem Fremden, der seine
hölzerne Tabaksdose damit füllte. Ich pflege keine Zigaretten
unterm Hutband zu tragen, ich bin ein Mensch, der auch seinem Hut
Achtung entgegenbringt, ich tat es nur, um ihn in einer irgendwie
besonderen Weise zu empfangen, und damit er mich erkennt. „Meine
Schwester“ hatte mich in ihrem Brief wissen lassen, dass er
Raucher ist und es „nicht mal für Tabak reicht“, so schrieb sie
mir. Dann richtete ich erneut das Wort an den Fremden mit dem Rad.
„In jenem Herbst, ich meine den Herbst
letzten Jahres, schoss der General sehr viele Enten. Aus einigen
davon bereiteten wir ein Mittagessen auf der Farm oder im Pfarrhaus,
ich weiß es nicht mehr genau, ich bin da wie dort sehr oft
eingeladen. An jenem Mittagessen nahmen der General Marosin, der
Herr Pfarrer und ich teil. Der Pfarrer hat viel Unglück sowohl
hinter sich als auch vor sich, deshalb sagt er auch beim Essen immer
wieder unter Seufzern: ‚Ach, unglückseliges Leben’. Daher auch
sein Spitzname: Unglückseligs
Leben.“
Ich redete weiter und redete viel, stets
darauf bedacht, möglichst keinem zu nahe zu treten. Von Zeit zu Zeit
hielt ich inne und schaute über die Schulter in den Hof der
orthodoxen Kirche. Endlich hörte man hinter dem Kirchenzaum weit
ausgreifende Schritte im Gras. Eine monumentale Frau mit großer
Kinnlade und herben, männlichen Gesichtszügen, kleinen leicht
schielenden Augen und einem Stück Sackleinwand um den Kopf – dieKüsterfrau.
Sie läutet die Glocken der Kirche und kümmert sich um die Pfarrei.
Die Küsterfrau blieb in respektvoller Distanz vor dem Zaun stehen
und sagte zu mir:
„Herr Millionär, bitte zu Tisch,
seine Heiligkeit erwartet Sie.“
„Moment mal, lauf nicht gleich weg“,
rief ich der Mannfrau zu, die sich bereits umgedreht hatte, um dahin
zu verschwinden, woher sie aufgetaucht war. Ich erklärte Glad, dem
Fremden: Seine Heiligkeit der Parochus lädt mich bisweilen zum
Mittagessen ein. Ich besorge die Buchführung der Pfarrei, wenn
gerade kein anderer dies billiger und besser erledigt. Dann zur
Küsterfrau gewandt: Sag Seiner Heiligkeit, ich bringe noch einen
Gast mit, General Glad aus
Marmatien. Und leg noch ein
Besteck am Nachbartisch auf.“
Glad holte sein Rad aus dem Graben.
Ich öffnete weit das Tor im
Kirchenzaun.
Glad rollte das Rad Richtung Tor. Im
Gras des Kirchhofs versetzte er ihm einen Stoß und das Rad rollte
dahin, bis es irgendwo zwischen den verwilderten Zwergholundern mit
großen weißen Blüten an den Spitzen umsank. Wir schlossen das Tor
und steuerten auf die Pfarramtshäuser hinter der Kirche zu.
Der General Marosin war ebenfalls zu
Tisch geladen.
Ab und zu hörte man ihn trocken husten.